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WELTGESCHICHTE & WELTORDNUNG |
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und der Auflösung des Sowjetimperiums prophezeite Francis Fukujama "das Ende der Geschichte": Die liberale Demokratie westlichen Zuschnitts werde sich weltweit als das politische Modell durchsetzen. Selten ist eine Prognose so schnell und so gründlich wiederlegt worden. Weltweit prallen die Kulturen heftiger aufeinander als zuvor...
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...In der Geschichte jeder Kultur endet deren Geschichte mindestens einmal, gelegentlich auch öffter. Sobald die globale Phase einer Kultur beginnt, lassen ihre Menschen sich täuschen durch das, was Toynbee die "Fata Morgana der Unsterblichkeit" nennt, und sind überzeugt, dass ihre Geselschaftsordnung die endgültige sei. So war es im Römischen Reich, im Arabischen-Kalifat, im Mogulnreich und im Osmanischen Reich. Die Bürger eines solchen Weltstaates, sagt Arnold Toynbee, neigen dazu, ihm trozt scheinbarer unübersehebarer Tatsachen nicht die Zuflucht für eine Nacht zu sehen, sondern "das Gelobte Land, das Endziel menschlichen Strebens"...
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Krieg der Kulturen und Weltordnung
Ein globaler Krieg unter Beteiligung der Kernstaaten der großen Kulturkreisen der Welt ist höchst unwarscheinlich, aber nicht unmöglich. Entstehen könnte ein solcher Krieg, wie wir angedeutet haben, aus Eskalation eines Bruchlinienkrieges zwischen Gruppen aus verschiedenen Kulturen, am warscheinlichsten unter Beteiliegung von Muslimen auf der einen Seite und Nichtmuslimen auf der anderen. Eine Eskalation wäre vorstellbar, wenn mögliche muslimische Kernstaaten miteinander in der Hilfeleistung für ihre bedrängsten Glaubensgenossen wetteifern. Sie können gedämpft werden durch das Interesse, das verwandte Sekundär- und Tertiärländer daran habe mögen, selber nicht tief in den Krieg hineingezogen zu werden. Eine gefährliche Quelle eines weltweiten interkulturellen Krieges könnte eine Verschiebung des Machtgleichgewichts zwischen Kulturkreisen und ihren Kernstaaten sein. Fals er weiter andauert, wird der Aufstieg Chinas, verbunden mit dem zunehmenden Selbstbewustsein dieses "großes Mitspielers in der Geschichte des Menschen", die internationale Stabilität zu Begin des 21. Jahrhunderts ennormen Belastungen aussetzen. Der Aufstieg Chinas zur beherrschenden Macht in Ost- und Südostasien würde den amerikanischen Interessen, wie sie immer wieder gesehen worden sind, diametral zuwiderlaufen.
Wie könnte sich bei dieser amerikanischen Interessenlage ein Krieg zwischen den USA und China entwickeln? Angenommen, wir haben das Jahr 2010. Die amerikanischen Truppen haben das mittlerweile wiedervereinigte Korea verlassen, ihre Militärpräsenz in Japan haben die USA atark reduziert. Taiwan und Festlands-China habeneine Verständigung erzielt, wonach Taiwan weiterhin den größten Teil seiner faktischen Unabhängigkeit behält, jedoch ausdrücklich die Suzeränität Beijings anerkennt und mit Unterstützung Chinas in die UNO aufgenommen ist, wie die Ukraine und Weißrussland 1946. Die Erschließung der Erdölreserven im Südchinesischen Meer ist rasch vonrangekommen, im wesentlichen unter chinesischen Vorzeichen, aber mit vietnamesischer Kontrolle über einige Gebiete, die von amerikanischen Firmen erschlossen werden. Mit gesteigertem Selbstvertrauen auf seine Möglichkeiten der Machtausübung kündigt China an, dass es seine vollständige Kontrolle über das Südchinesische Meer herstellen wird, über das es bereists Souveränitätsrechte beansprucht hat. Die vietnamesen sträuben sich, und es kommt zu kämpfen zwischen chinesischen und vietnamesischen Kriegsschiffen. Die Chinesen, begierig darauf, ihre Demütigung von 1979 wettzumachen, marschieren in Vietnam ein. Die Vietnamesen bitten die USA um Beistand. Die Chinesen warnen die USA vor einer Einmischung. Japan und die anderen Nationen Asiens sind unschlüssig. Die USA erklären, dass sie die Eroberung Vietnams durch China nicht akzeptieren können, fordern Wirtschatssanktionen gegen China und entsenden einen ihren wenigen noch verbliebenen Flugzeugträger-Kampfverbände in das Südchinesische Meer. Die Chinesen verurteilen dies als Veretzung chinesischen Hoheitsgewässer und unternehmen Luftangriffe gegen den Kampfverband. Bemühungen des UNO-Generalsekretärs und des japanischen Ministerpräsidenten um Aushandlung einer Feuerpause schlagen fehl, und die Kämpfe greiden auf andere Gebiete Ostasiens über. Japan untersagt den USA die Benunzung der amerikanischen Stützpunkte in Japan, die USA setzen sich über das Verbot hinweg. Japan erklärt seine Neutralität und stellt die Stützpunkte unter Quarantäne. Chinesische Unterseeboote sowie Flugzeuge, die von Taiwan und dem Festland aus operieren, fügen amerikanischen Schiffen und Einrichtungen in Ostasien schweren Schaden zu. Unterdessen marschieren chinesische Bodentruppen in Hanoi ein und besetzen große Teile Vietmans.
Da sowohl China als auch die USA über Raketen verfügen, die Kernwaffen in das Gebiet des Gegners tragen können, herscht ein stillschweigendes Unentschieden, und in der Anfagsphase des Krieges werden diese Waffen nicht eingesetzt. Die Furcht von derartigen Angriffen existirt jedoch in beiden Gesellschaften und ist vor allem in den USA sehr stark. Sie veranlasst viele Amerikaner zu der Frage, warum sie dieser Gefahr ausgesetzt werden. Was liegt daran, ob China das Südchinesische Meer, Vietnam oder auch ganz Südostasien beherrscht? Besonders heftig ist die Opposition gegen den Krieg in den von Hispanics dominierten südwestlichenStaaten der USA, wo die Menschen und die Regierungen sagen "das ist nicht unser Krieg" und den Versuch machen, nach dem Vorbild Neu-Englands im Krieg von 1812 abzuspringen...
...Unterdessen beginn der Krieg jedoch, Auswirkungen auf die großen Staaten anderer Kulturkreise zu haben. Indien nutzt die Gelegenheit, die durch Chinas Engangement in Ostasien ergibt, und unternimmt einen verheerenden Angriff auf Pakistan, in der Absicht, die nuklearen und konvertionelle Waffenpotentioale dieses Landes auszuschalten. Zunächst ist Indien Erfolgreich,aber tritt das Militätbündnis zwischen Pakistan, Iran und China in Aktion, und der Iran kommt mit Pakistan mir seinen modernen und hochentwickelten militärischen Kräften zu Hilfe...
...Für alle Kombattanten ist die Kontrolle über und der Zugang zu Erdöl von zentraler Bedeutung. Trotz seiner ennormen Investitionen in die Kernenergie ist Japan noch immer entscheident auf Erdölimporte angewiesen, was das Land in seiner Neigung bestärkt, sich mit China zu verständigen und andessen Erdölimporte vom Persischen Golf, aus Indonesien und dem Südchinesischen Meer zu partizipiren. In dem Maße, wie im Verlauf des Krieges arabische Länder immer mehr unter die Kontrolle islamischen Radikalen gelangen, versiegen die Erdöllieferungen vom Persischen Golf in den Westen, weshalb der Westen immer abhängiger von russischen, kaukasischen und zentralasiatischen Erdölquellen wird. Das veranlagt den Westen zu verstäkten Bemühungen, Russland auf seine zu ziehen, und zur Unterstützung Russlads bei der Ausweitung seiner Kontrolle über die erdölreichen muslimischen Länder in seinem Süden. Unterdessen haben die USA emsig versucht, die volle Unterstützung ihrer europäschen Verbündeten zu mobilisieren. Diese bieten zwar diplomatischen und wirtschaftlichen Beistand an, zögern aber, sich militärisch zu engagieren. China und der Iran befürchten jedoch, dass westliche Länder sich letzten Endes doch hinter die USA stellen werden, so wie die USA in zwei Weltkriegen schliesslich England und Frankreich zu Hilfe kamen. Um dies zu verhindern, schaffen sie heimlich kernwaffentaugliche Mittelstreckenraketen nach Bosnien und Algerien und warnen die europäschen Mächte vor einem Eintritt in den Krieg...
So verwickeln sich die USA, Europa, Russland und Indien in einen wahrhant globalen Kampf gegen China, Japan und größten Teil des Islam. Wie würde ein solcher Krieg ausgehen? Beide Seiten verfügen über große Kernwaffenpotentiale, und sofern diese auf eine nicht nur minimale Weise ins Spiel gebracht würden, könnte es offenkundig in den wichtigsten Länder zu umfassenden Zerstörungrn kommen. Fals jedoch die bederseitige Anschräckung funktioniert, könnte die beiderseitige Erschöpfung zur Aushandlung eines Waffenstillstandes führen, der allerdirngs das Grundproblem der chinesischen Hegemonie in Ostasien nicht lösen würde. Andererseits könnte der Westen auch versuchen, China durch den Einsatz konventioneller militärischer Mittel zu besiegen. Das Bündnis Japans mit China gibt jedoch China den Schutzeines insularen cordon sanitaire, der die USA daran hindert, ihre Kriegsmarine gegen die chinesische Bevölkerungs- und Industriezentren an der Küste einzusetzen. Die Alternative wäre, China vom Westen her anzugreifen. Die Kämpfe zwischen Russland und China veranlassen die NATO, Russland als Mitglied aufzunehen und Russland kooperativ zu helfen, chinesische Übergriffe auf Serbien zurückzuschlagen, die russische Kontrolle über die muslimische Erdöl- und Erdgasländer Zentralasiens zu behapten, Aufstände von Tibetern, Uighuren und Mongolen gegen die chinesische Herrschaft zu unterstützen und westliche und russische Truppen nach und nach ostwärts nach Sibirien zu verlegen und dort den entscheidenten Angriff über die Chinesische Mauer gegen Beijeing und das Han-Kernland vorzubereiten. Welchen unmittelbaren Ausgang dieser globaler Krieg zwischen Kulturen auch nehmen mag - gegenseitige nukleare Verwüstung, ausgehandelte Einstellung infolge beiderseitigen Erschöpfungn oder sogar Aufmarsch russischer und westlicher Truppen auf dem Platz des Himmlischen Friedens -, das umfassende langfristige Ergebnis wäre fast zwangsläufig eine drastische Einbuße an wirtschaftlicher, demographischer und militärischer Macht auf Seiten aller Hauptbeteilgten des Krieges. Infolgedessen würde die globale Macht, die sich im Laufe der Jahhunderte vom Osten zum Westen verschoben hatte und danach begann, sich wieder vom Westen zum Osten zu verschieben, sich nunmehr vom Norden zum Süden verlagern. Die großen Nutznießer des Krieges zwischen den Kulturen sind diejenigen Kulturen, die sich aus ihm herausgehalten haben. Nach dem der Westen, Russland, China und Japan in unterschiedlichem Umfang verwüstet sind, hat Indien, sofern es solchen Verwüstungen trotz sener Beteiligung am Krieg entgehen konnte, nunmehr freie Hand, die Umgestalltung der Welt nach hinduistischen Grundsätzen in Angriff zu nehmen. Große Teile der amerikanischen Öffentlichkeit geben die Schuld an der gravierenden Schwächen der USA der engstirnig westlichen Orientierung der WASP-Eliten (weißangel- sächsisch-protestantisch), und führende Hispanics kommen an die Macht, gestützt auf das Versprechen unfassender Marschall-Plan-artiger Hilfe durch die boomenden lateinamerikanischen Länder, die den Krieg ausgesessen haben. Für die USA war eine solche Intervention notwendig, um dem Völkerrecht Geltung zu verschaffen, eine Agression abzuwehren, die Freiheit der Meere zu schützen, der Zugang der USA zu den Erdölreserven des Südchinesischen Meeres zu sichern und die Beherrschung Ostasiens durch eine einzelne Macht zu verhindern. Für Chins war diese Intervention ein völlig inakzeptabler, aber typischer, anmaßender Versuch des westlichen Führungsstaates, China zu demütigen und zu ducken, Oposition gegen China innerhalb seines legetimen Einflußbereichs zu provozieren und China seine angemessene Rolle in der Weltpoloitik streitik zu machen.
In der kommenden Ära ist es also zur Vermeidung großer Kriege zwischen den Kulturen erforderlich, dass Kernstaaten davon absehen, bei Konflikten in anderen Kulturen zu intervenieren. Das ist eine Wahrheit, die zu akzeptieren manchen Staaten, besonders den USA, schwerfallen wird. Dieses Prinzip der Enthaltung, demzufolge Kernstaaten sich der Intervention bei Konflikten in anderen Kulturen enthalten, ist die erste Voraussetzung für Frieden in einer multikulturelen, multipolaren Welt. Die zweite Voraussetzung ist das Prinzip der gemeinsamen Vermittlung, demzufolge Kernstaaten mieinander Verhandeln, um Bruchlinienkriege zwischen Staaten oder Gruppen innerhalb ihrer jeweiligen Kultur einzudämmen oder zu beenden. Das Akzeptieren dieser Prinzipien und einer Welt mit größerer Gleichheit zwischen den verschiedenen Kulturen wird dem Westen und jenen Kulturen nicht leichtfallen, die etwa das Ziel verfolgen, die dominierende Rolle des Westens mittragen oder sogar übernehmen zu wollen...
© Samuel P. Huntington / Kampf der Kulturen
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