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LOKALE MEDIEN & INTEGRATION |
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VON ALEXANDER FRICK
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Es liegt in der Natur der medialen Welt – Alles, was publiziert und gesendet wird, muss einen negativen oder positiven Gegenstrom bei Medienkonsumenten erzeugen. Ist nicht der Fall, so griff der Meinungsmacher ins Leere. Nicht aber bei der Berichterstattung über Integration von Aussiedlern. Es gibt kaum ein anderes lokales Thema in der münsterländischen Presse, das so eine polarisierte Meinungspalette bei Lesern hervorruft. Aus der Perspektive des Aussiedleranteils an der gesamten regionalen Bevölkerung (in einigen Städten und Gemeinden 12 bis über 20 Prozent) und darauf seit Jahren angestauten Integrationsproblemen, insbesondere im Bereich Jugendkriminalität, die als Resultierende der Flaute auf dem Arbeits- und Berufsausbildungsmarkt hauptsächlich zu betrachten sind, ist auch die diametrale Leserreaktion und zwar in allen Schichten der Gesellschaft eine selbstverständige Sache.
„WIR SIND GEKOMMEN, UM ZU BLEIBEN“ In der Aussiedlerpolitik hält die Bundesregierung an der historischen Verantwortung gegenüber der deutschen Minderheiten in Osteuropa weiterhin fest und Kriegsfolgeschicksal wird nicht in Frage gestellt. „Für mich ist Deutsch sein mehr als dem deutschen Volk zugehören.“ – Spricht sich Heinrich G. laut aus. Russlanddeutscher Rentner, der seit zehn Jahren bei Cloppenburg in Niedersachsen lebt, regt sich jedes Mal auf, wenn im Gespräch die Vergangenheit angeknüpft wird. „Für mich ist das ein Schicksal - Mit Tränen in den Augen während und nach dem Krieg, mit geheimen Gebeten fürs deutsche Volk, mit gehetzten Kindern nach dem Krieg, mit dem offenen Stolz für das deutsche Wirtschaftswunder der siebziger, mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten ...“ Seine Stimme wird immer leiser und er hört kurz auf zu reden, um Luft zu holen. Die Erlebnisfülle dieses alten Mannes lässt ihm keine Chance für eine chronologische Darstellung. Es scheint, er weiß überhaupt nicht, wo er anfangen soll. „Wissen Sie was", sagt er noch zum Schluss, "mein Leben ist reif für ein Buch. Aber in denen wird ja meist übertrieben...“ Da hat er leider recht. Und zwar nicht nur in einigen Büchern sondern auch in einigen lokalen Tageszeitungen erscheinen die Berichterstattungen nicht nur übertrieben sondern sehr hoch negativ getrieben, was generell eine entsprechend negative Auswirkung auf die Integrationswilligen hat. Aus knapp zweihundert Berichterstattungen der letzten fünf Jahren sind etwa um die hundertachtzig, die in dieses Segment einzuordnen sind. Nicht merkwürdig klingt deshalb Äußerung vieler Integrationsbetroffenen, dass für die örtlichen Zeitungsredakteure es nicht einfach zu scheinen sei, positive Berichterstattung über Aussiedler ins Blatt zu bringen. Die obengenante Zeitungsartikelbewertung bekräftigt nur die nachfolgende Vermutung über die Einstellung der Tageszeitungen zum Thema Integration.
SCHLÜSSEL DES EINLEBENS Der Schlüsselrolle der Bildung bei Integration wurde in allen Zeiten absolute Priorität eingeräumt, aber in der Praxis schnell vernachlässigt. Bildung wird immer mit der Schule gleich gesetzt. Aus dieser weit und breit sehr flachen Vorstellung von Bildung als Schulbankdrücken resultiert die offensichtliche Bildungsmisere und nicht nur im Bereich Integration. Bildung ist gleich Kommunikation im breitesten Sinne des Wortes. Interpretieren wir anders: Überall, wo Kommunikation statt findet, profitiert Bildung. Revolutionärer Fortschritt des Kommunikationsbereichs der neuen Zeit bringt nicht nur Entspannung in die Meinungsäußerungsfreiheit sondern stellt auch die modernen demokratischen Gesellschaften vor neuen Herausforderungen. Dank der Neuen Medien fundiert der Kommunikationsprozess rund um die Uhr. „Bild dir deine Meinung“ appelliert an uns täglich vom Bildschirm Fernsehwerbung eines beachtlichen Mediengiganten mit dem garantierten Hintergedanken „Wir bilden deine Meinung“. Tendenziöse Darstellung der dramatischen Ereignisse des Integrationsalltags wirken entmutigend auf die Integrationswilligen und bereichern die Argumente der Integrations(un)fähigen. Meinung machen und Meinung äußern – Die beiden Kommunikationsprozesse mit einem Ausgangspunkt streben in diametral gegenseitige Richtungen. Der erste in Richtung Manipulation, der zweite in Richtung Meinungsfreiheit. Das muss nicht jeder Leser und Leserautor doch jeder Zeitungsredakteur studiert haben.
Es gibt auch ausgesprochen sensible Integrationsprobleme und Themen, die definitiv mehr von einem Zeitungsartikelautor verlangen, als zu wissen, wo Kasachstan überhaupt liegt und warum es nicht zu Russland gehört. Re(im)migration nach Kanada und Rückkehr nach Kasachstan und Sibirien. Diesem seit einigen Jahren schleifenden Auswanderungsereignis werden, vom wem auch immer, hauptsächlich religiöse Gründe zugeschrieben. Aber die Palette der Unzufriedenheit ist deutlich breiter als bisher vermutet wurde. Wer nach zehn Jahren anständiges Lebens in Deutschland das noch in eigenen Knochen sitzende Haus aufgibt, und sich mit fünf Vorschulkindern auf den Armen auf den Weg ins neue Fremde begibt, dem muss etwas bis zum Hals stehen, und zwar mehr als nur Beziehung zu Gott... Wie sich diese Tendenz weiter entwickelt, häng nicht zuletzt von Toleranz der lokalen Presse ab, die mit dem Thema Zusammenlebenlernen den Löwenanteil im gesamten Integrationsbildungssystem leisten könnte.
DAS LEBEN IST KLÜGER ALS MENSCHEN, DIE ES LEBEN Diese Überschrift hat mit der Wortspielerei nichts am Hut. Logischerweise ist das Leben ein ununterbrochener Kommunikationsfaden, der uns lehrt und von dem wir uns ständig und unbewusst bilden lassen. Die Grundlage jeder Kommunikationsaktion ist bekanntlich die Sprache, ohne der kein Integrationsprozess stattfinden kann. Allein schon aus dieser Sicht scheinen völlig absurd und unakzeptabel die Entscheidungen, die konsequent zum Verkürzen von Deutschsprachkursen für Aussiedler und insbesondere für Spätaussiedler brachten. Die Ersparnisse an dieser Stelle führten de facto dazu, dass die Betroffenen zuerst drei und später sechs Monate früher vor der Glotze landeten, ohne auf die gleichen Transferleistungen zum Lebensunterhalt zu verzichten. In vieler Hinsicht misslingt bei meisten Integrationswilligen das tatsächliche Einleben, weil der Druck der Mangel an Deutschkenntnissen zu hoch ist. Das Leben zeigte einen Ausweg aus dieser Integrationssackgasse – Viele beschränken ihr Leben auf bestimmter Kommunikationsebene. So genannte „Russische Spezialitäten“, Lebensmittelgeschäfte, wo Deutsch zu reden fast als unanständiges Benehmen angesehen wird, übernahmen längst die führende Kommunikationsrolle in dem gesamten lokalen Anpassungsprozess. „Ach, wir wissen doch, dass du gut Deutsch kannst! Hier aber kannst du auf dein Können locker verzichten!“, erwiderte mir eine Bekannte auf meine Begrüßung auf Deutsch in so einem „russischen“ Lebensmittelgeschäft. Hier bekommt die Sehnsucht nach der alten Heimat endlich mal ihre freie Bahn. In Regalen türmen sich russische Spezialitäten „Hergestellt in Hamburg“, russischer Wodka in allen unvorstellbaren Variationen so weit das Auge reicht. In der Ecke Extraregal für moderne Medien: Spielfilme, Computerspiele, Software zum Spottpreis. Sicher alles in Russisch. Aus dem „russischen Magazin“ schnell zum russischen Friseur um die Ecke und anschließend auf dem Weg nach Hause beim russischsprechenden Becker schnell frische Brötchen besorgen. Und am Abend mit einer russischen Zeitung und einer russischen Interpretation der TV-Sendung „Wer wird Millionär“ auf dem Bildschirm findet die richtige Kommunikation statt, hier wird der neue Mitbürger gebildet und die wirkliche Integration gedämpft...
Valeri D. ( 24), lebt seit seiner Einschulung in Deutschland, hat vor Jahren Kraftfahrer gelernt, mehr als ein Jahr ununterbrochen war er noch nie berufstätig: „ Ich sag dir was, ich bin bereit das letzte Geld, das ich hab, dem Arbeitgeber mitzubringen, nur dafür, dass er mich arbeiten lässt... Ich kriege Angst, wenn ich nur daran denke, dass auch meine Kinder in Zukunft darunter leiden müssen - immer auf der Suche nach dem sein, was schon längst nicht gibt – einem anständigen Job, vom dem man müde wird, aber stolz und zufrieden...“ Verzweifeltem Valeri zu opponieren, bräuchte man mehr als politische Wahlversprechungen über Wachstum und Beschäftigung. Aber die lokalen Zeitungsberichte über steigende Jugendkriminalität bringen ihn definitiv auch nicht weiter... Vielleicht mal zurück...
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