Sie sind hier: ARCHIV SOZIALES  
 ARCHIV
JOURNALISMUS
SOZIALES
INFORMATION

MAJAK - GRÖSSTE ATOMMÜLLDEPONIE
 
  DIE "BESTRAHLTE" WAHRHEIT - Über die grösste Atommülldeponie der Welt  
  VON ALEXANDER FRICK 
"DIE KONSEQUENZEN WISSENSCHAFTLICHER ENTDECKUNG FALLEN IN DIE VERANTWORTUNG DES VOLKES" - Edward TELLER  
  Die bestrahlte Stadt  
Im Vorort von russischer Industrie- und Millionenmetropole Tscheljabinsk liegt eine bis 1994 als Postleitzahlstadt Tscheljabinsk 65 geheim gehaltene Nuklearstadt Osjorsk mit etwa 85 Tausend Einwohner und einem gigantischen Nuklearkomplex Majak. Schon seit 50er Jahren gehört diese Industrieanlage zu den grössten nuklearen Umweltverschmutzern. Jährlich werden grosse Mengen mittel- und niedrigstrahlenden flüssigen Müll in den nahe gelegenen Karachay-See gepumpt.
Majak ist die grösste Atomanlage der Welt. Jahrelang war dieser Industriegigant die Hauptproduktionsstätte der Sowjetunion für waffenfähiges Plutonium. Die Geschichte des Atomkomplexes ist gleichbedeutend mit der Geschichte nuklearen Katastrophen. Immer wieder kam es zu Unfällen, bei denen hochradioaktives Material in die Umwelt gelangte. Im September 1957 ereignete sich die neben Tschernobyl schwerste Atomkatastrophe in der Geschichte. Ein Stahltank, in dem sich 300 Kubikmeter hochradioaktiver Atommüll befanden, explodierte und verbreitete radioaktiven Fall-Out mit einer Strahlungsstärke von 20 Millionen Curie über eine Fläche von über 23 Tausend Quadratkilometer. 272 Tausend Menschen waren betroffen. Mehrere Tausend mussten evakuiert werden. Erst 1989 gab Russland diesen Unfall zu. Aber bis heute ist die Umweltsituation in der Region rund um Osjorsk katastrophal.  
  Unter dem Eindruck von Hiroschima und Nagasaki 
Joseph Stalin gab unter Eindruck des amerikanischen Einsatzes von Atombomben in Hiroschima und Nagasaki höchstpersönlich den Start für das sowjetische Atomprogramm. Im November 1945 begann der Bau des Atomwerkes Majak. Im Juni 1948 begann hier der Betrieb des ersten sowjetischen Atomreaktors zur Produktion von Waffenplutonium, mit dem im August 1949 die erste sowjetische Atombombe bestückt wurde. 
  Weitere Nuklearkatastrophen von Majak 
Von 1949 bis 1956 leitete der Betrieb hochradioaktiven flüssigen Atommüll direkt von den nuklearen Wiederaufarbeitungsanlagen in den Fluss Tetscha. Etwa 150 Tausend Menschen, die in Siedlungen und Dörfern am Ufer des Flusses lebten und aus ihm ihr Trinkwasser bezogen, erhielten sehr hohe Strahlungsdosen. Bis zum Jahr 1956 wurden in den Fluss 76 Millionen Kubikmeter flüssige Nuklearabfälle und radioaktive Abwässer eingeleitet. Die natürliche Belastung des Wassers mit Strontium-90 wird stellenweise um das 1000-fache überschritten. Als das Ausmaß der Verseuchung erkannt wurde, wurden etwa 10 Tausend Menschen aus den am schlimmsten betroffenen Dörfern evakuiert. Aber für fast 8 Tausend Betroffenen war es schon zu spät – sie starben an den Folgen der Strahlung. Lange Zeit wurde die Katastrophe geheim gehalten. Ganze Dörfer und Städte verschwanden von der Landkarte und wurden zu Sperrzonen mit „Betreten verboten!“ ausgeschildert... Noch bis heute...

Eine weitere Umweltkatastrophe ereignete sich in einer Trockenperiode in Jahre 1967, als die größten Teile des Karatschi-Sees, in den über Jahre land hinweg grosse Menge Atommülls gekippt worden waren, austrockneten. Durch das Absinken des Wasserspiegels gelangten diese Abfälle an die Oberfläche und wurden von dort in Form von hochradioaktivem Staub durch den Wind über eine Fläche von über 2700 Quadratkilometer verbreitet, auf der über 40 Tausend Menschen lebten... 
  Todesfabrik Majak 
Obwohl alle fünf Atomreaktoren zur Plutoniumherstellung 1991 geschlossen wurden, ist Majak Russlands grösster Atomkomplex geblieben. Außer der Wiederaufbereitungsanlage für Brennelemente, der Anlage für Produktion von so genannten MOX-Brennstoffe sowie Verglasung von flüssigem Atommüll kommt seit 2004 der letzte Atomhorror – eine Anlage zur Demontage nuklearer Sprengköpfe und eine erdoberflächliche Halle für Endlagerung von Atommüll aus dem In- und Ausland.

Fast komischerweise ausgerechnet die ehemalige Gegner des Kalten Krieges zahlen den Hauptteil der Endsorgung. Wie auf dem G-8-Gipfel beschlossen, werden allein die USA zehn Milliarden Dollar bereitstellen. Insgesamt ist von den führenden Industrienationen ein Finanzvolumen von zwanzig Milliarden Dollar für einen Zeitraum von zehn Jahren vorgesehen.
Generell kommen die Gelder ganz gelegen. Denn Majak, als Endlagerungsstätte, befindet sich in verheerendem Zustand. Der Ort gilt als am stärksten radioaktiv verseuchten weltweit. Seit Jahren gehen die Umweltgruppen und Ärzte mit Berichten über die Gesundheitsschäden für die Bevölkerung immer wieder an die Öffentlichkeit. Die Strahlung des schon heute auf dem Majak-Territorium gelagerten Atommüll übersteigt die beim Tschernobyl-Unfall freigesetzte um 20-fache. Der Betrieb hat jahrzehnte seine radioaktiven Abfälle in die umgebenden Seen und Flüsse eingeleitet. Der Karatschai-See ist so verstrahlt, dass man am Ufer eine lebensgefährliche Strahlendosis abbekommen kann. Nach ärztlichen Berichten stirbt jeder fünfte in den verseuchten Gebieten vor seinem 40-en Lebensjahr an Folge einer Krebserkrankung. Den Frauen aus den naheliegenden Orten wird immer wieder abgeraten Kinder in die Welt zu setzen. General-Didektor von Majak Vitalij Sadownikov hat panische Angst vor Presse, Ärzten und Schullehrern und nicht zuletzt auch deswegen musste er in einem betrieblichen Jahresbericht zugeben, dass die Lage im Betrieb immer schlimmer wird. Nur im ersten Quartal 2004 wurden 35 Mitarbeiter beim Klauen von Betriebseigentum und etwa 50 Mitarbeiter im alkoholisierten Zustand am Arbeitsplatz erwischt. 
  20 Milliarden Dollar als Dienst an Umwelt und Bevölkerung 
An eine baldige Wende im Umgang mit Nuklearmüll ist vorerst nicht zu denken. Nicht nur, weil nach dem in Moskau unterzeichneten Vertrag über Verringerung des Angriffspotenzial, circa 5000 atomare Gefechtsköpfe zusätzlich zu den abgebrannten Stäben der Energiewirtschaft zur Entsorgung anstehen. Darüber hinaus ist Russland längst zum grössten Abfalllager ausländischen Atommüll geworden. Nachdem im Juni 2001 das russische Parlament das Umweltschutzgesetz änderte und dem Import von Nuklearmüll zustimmte, häuft sich atomarer Schrott aus dem Ausland. Und Lagerung von radioaktivem Material bedeutet noch lange nicht dessen Verschwinden. Allein kann Russland angesichts leeren Staatskassen der Gefahr dieser nuklearen Zeitbombe nicht der Herr werden.

Grosszügig und fast als Dienst an Umwelt und Bevölkerung wirken daher die von G-8-Staaten zugesagten 20 Milliarden Dollar. Die Frage ist nur, wo landen die Gelder. Aus der Verteilung der jungsten Finanzspritze des Internationalen Währungsfonds in Höhe von 5 Milliarden Dollar ist ja mittlerweile ungeheim bekannt , dass ein Grossteil der Summe damals auf Privatkonten des Jelzin-Clans in der Schweiz landete. 
  Radioaktivität kennt keine Landesgrenzen 
Radioaktivität kennt keine Grenze und so sehen westliche Politiker die Notwendigkeit einer Kooperation mit Russland, um dieses schleichende Gigant-Tschernobyl in den Griff zu bekommen.
Wer für die nächsten hundert Jahre in einem erdoberflächlichen Lager circa 400 Tonnen Waffenplutonium endlagern will, muss sich vor allem Gedanken über Umsiedlung der Bevölkerung aus der 30-Kilometer-Zone machen, so Segej Mitrochin, Abgeordneter der Staatsduma. Die Politik des Gesundheitsministeriums auf allen Ebenen ist es, alle Daten über Erkrankungen geheim halten und öffentlich demonstrieren, dass in der Region keine gesundheitliche Probleme gibt, so Mitrochin weiter. 
  Fazit 
Eine Verbesserung der Sicherheitslage im Nuklearbereich ist nicht zu erwarten, solange die staatliche Atompolitik Russlands nur auf kurzfristige finanzielle Gewinne vom Atommüllexport fokussiert bleibt. „Wir nehmen zwanzigtausend Tonnen ausländische Nuklearabfälle und bekommen dafür zwanzig Milliarden Dollar“, so lautete die Rechnung des russischen Atomenergieministeriums Jewgenij Adamow. Und kein Wort über Risiken und Gefahren für die fast 5 Millionen Menschen rund um die globale Atommülldeponie.
"...Das traurigste dabei ist, dass es vergehen Jahrzehnte - alles ändert sich bei uns im Lande: politische Richtungen, Regierungen und Parlament. Nur die Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Volk bleibt konstant...", so Abgeordneter der Staatsduma Nikolaj Kovalev über den "bestrahlten Wahnsinn" in Osjorsk. © a.f.  
 

 

news / reportage / publizistik / video I / video II / journalismus / soziales / information / umfrage / pressefreiheit 2006 / pressefreiheit 2007 / pressefreiheit 2008 / pressefreiheit 2009 / charter on freedom / impressum /

*Der Inhalt dieser Seite ist auch für PDA, Mobiltelefon und VGA-PDA als Pocket PCs und Smartphones optimiert.

© a.f.medien - Studio für Neue Medien & Journalismus 1998 - 2010
Alexander Frick, freier Journalist

WAS DIE GESELLSCHAFT ZUSAMMENHÄLT | BILDUNG & ERZIEHUNG