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WOZU JOURNALISTISCHE ETHIK? |
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Was verstehen Sie unter journalistischer Ethik? Ist sie ein Teilaspekt einer allgemeinen Ethik, und wann und wozu braucht man sie?
Christian Sauer antwortet: Eine Frage, die meinen Horizont übersteigt. Journalistische Ethik brauche ich täglich, um zu entscheiden, was ich tue. Als Journalist arbeite ich im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Informationsbedürfnis, der schützenswerten Privatsphäre jener, über die berichtet wird, und kommerziellen Interessen (meines Arbeitgebers und Dritter). Das erfordert Abwägungen - und zwar solche, die ich hinterher begründen und vertreten kann. Dazu brauche ich eine praktische Ethik. Sie konkretisiert sich für mich von Fall zu Fall. Ich kann sie nicht abstrakt formulieren.
Bernhard Debatin antwortet: Journalistische Ethik ist ein Teilbereich der allgemeinen Ethik. Sie ist also keine Sonderethik eigenen Rechts, sondern nur eine auf einen spezifischen Gegenstands- und Handlungsbereich, das journalistische Handeln, angewandte Ethik. Dies bedeutet, dass die Normen und Werte der journalistischen Ethik im Zusammenhang mit der allgemeinen Ethik verstanden und begründet werden müssen. Allerdings ist zu beachten, dass Medienethik und journalistische Ethik (im Unterschied zur reinen Individualethik) immer schon mit Systemstrukturen zu rechnen haben. Journalistische Ethik, die nur das individuelle Handeln beachtet, greift zu kurz. Das journalistische Handeln findet überwiegend im Rahmen von Medienorganisationen und mit hohem technischem Aufwand statt. Massenkommunikation als durch technische Medien und Medienorganisationen mehrstufig vermittelte und meist einseitige Kommunikation erfordert (ähnlich wie die Technikethik) ein systemisches Ethikverständnis und eine “Fernethik” (so der Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen), die individuelle Handlungsverantwortung mit den systembedingten Folgeproblemen vermittelt. Hier geht es vor allem um Phänomene wie die Trennung von Handlungs- und Verantwortungssubjekten, synergetische Handlungseffekte und Unüberschaubarkeit der systemischen Handlungsfolgen. Die journalistische Ethik hat dementsprechend zwei Adressaten: Den Journalisten und die Medienorganisation. Der einzelne Journalist kann sich mit ihrer Hilfe in seinem Handeln orientieren. Ethik kann dazu beitragen, zu moralisch verträglichen Entscheidungen zu kommen; zum Beispiel wenn es um Fragen des Quellenschutzes, der Akkuratheit, oder der Abwägung konfligierender Werte geht. Große Teile des Pressekodex können im Sinne solcher Entscheidungshilfen für journalistisches Handeln gelesen werden. Als institutionelle Ethik bezieht sich die journalistische Ethik auf die organisatorischen Rahmenbedingungen, unter denen sich das journalistische Handeln vollzieht. Wenn z. B. eine Medienorganisation moralische Maximen in ihre Organisationsziele aufnimmt und diese auch zur gelebten Organisationskultur macht, ermöglicht und ermutigt sie moralisches Handeln ihrer Mitglieder und kann diese auch sanktionieren, wenn sie gegen solche Maximen verstoßen. So wurde im April 2003 der "Los Angeles Times" Fotojournalist Brian Walski entlassen, da er mit einer nicht als solchen gekennzeichneten Fotomontage den Eindruck einer Originalaufnahme erweckt hatte.
Dorothee Bölke antwortet: Ethik ist Sittenlehre und versucht die Frage zu beantworten, wie der Mensch sich verhalten soll, um anständig zu sein. „Richtiges“, sittliches Handeln wird nur möglich, wenn der Handelnde sich an Werten orientiert, also etwa an Tugenden wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Fairness oder Selbstbeherrschung. Diese Werte sollten das Verhalten von Menschen in einer Gesellschaft ganz allgemein bestimmen. Eine spezielle journalistische Ethik gibt es deshalb nicht. Es besteht allerdings eine besondere Verantwortung der Journalisten, da ihre Tätigkeit – wie auch die etwa der Politiker – in die Öffentlichkeit hinein wirkt und gravierende Folgen für betroffene Menschen haben kann. Ob und wann Journalisten Ethik „brauchen“ kann nicht die Frage sein. Gerade von ihnen muss verlangt werden, dass sie Werte, die das Zusammenleben der Menschen sinnvoll machen, beachten – und zwar immer. Wozu journalistische Ethik?..
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