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RUSSLANDS IMAGE & DIE MEDIEN
 
  SUBJEKTIVER BEITRAG ZUM OBJEKTIVEN BILD - Von Dr. Gabriele KRONE-SCHMALZ, Russlandkorrespondentin der ARD (1987-1991) 
   
Vortrag von Dr. Gabriele Krone-Schmalz , Russlandkorrespondentin der ARD (1987-1991),gehalten am 24. September 2001 in Berlin anlässlich der Jahrestagung des Deutsch-Russischen Forums.(Die Veröffentlichung des an einigen Stellen unwesentlich gekürzten Vortragsmanuskripts erfolgt mit der freundlichen Genehmigung der Verfasserin.)  
   
Das Image ist schlecht. Und die Frage ist, wie viel Anteil haben die Medien daran? Beziehungsweise, können sie dazu beitragen, das Image zu verbessern? Es stellt sich mir aber noch eine ganz andere Frage, als Journalist und Staatsbürger. Das Image von Rußland ist mir relativ egal. Mich interessiert, ob das Bild und die Realität übereinstimmen. Und das ist nicht der Fall.
Ich muß das Image nicht weiter beschreiben, das kennt jeder ohnehin. Aber ich möchte an dieser Stelle den Begriff objektive Berichterstattung ins Spiel bringen. Man braucht gar nicht erst an so etwas Bösartiges wie Manipulation zu denken – also eine bewußte Verfälschung – um zu behaupten, dass es streng genommen objektive Berichterstattung nicht gibt und nicht geben kann. Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung, und die wiederum hängt von sehr vielen verschiedenen Faktoren ab, z.B. auch von der Entfernung zum Objekt. Ich mache das mal ganz simpel und handfest: Ein Berggipfel , der in seiner charakteristischen Form das Panorama einer Landschaft beherrscht, ist oft am Fuße des Massivs gar nicht zu sehen. Wer akzeptiert, in diesem und im übertragenen Sinn, dass unterschiedliche Standorte zu unterschiedlichen Wahrnehmungen führen, dass dasselbe Ding von Nahem anders aussieht als von Weitem, der wird zustimmen, dass beide Betrachter den Berg richtig sehen, der eine mit, der andere ohne Gipfel.
Die drei größten Feinde professioneller Berichterstattung – und das bringt uns vielleicht auf die Spur, warum das Bild Russland so und nicht anders ist – sind natürlich an erste Stelle gezielte Manipulation, die es selbstverständlich auch gibt. Wenn man internationalen Medienstudien glauben darf, dann werden mittlerweile 95 % aller Informationen gezielt entwickelt, um Einfluss auszuüben. Und Einfluss ist nichts anderes als die kosmetische Umschreibung von Manipulation. Wobei Journalisten in dem Fall mehrheitlich auch Opfer und nicht Täter sind.
Der zweite Feind, und da kommen wir der Sache vielleicht schon näher, ist vorauseilender Gehorsam, bzw. Mangel an Zivilcourage. Also etwa gekennzeichnet durch Fragen wie: schadet es meiner Karriere, wenn ich das mache oder nicht mache? Bin ich politisch korrekt, wenn ich das mache oder nicht mache? Steckt man mich möglicherweise sogar in eine ideologische Schublade, in die ich überhaupt nicht gehöre, aber aus der ich trotzdem nicht rauskomme?
Und schließlich der dritte Feind – nicht zu unterschätzen: schlampige Sprache. Aus Gedankenlosigkeit und/oder Dummheit. Manchmal sind die Grenzen auch fließend. Ein kleines Beispiel, das manchen nicht dramatisch erscheinen mag, aber es ist symptomatisch. Ist es Schlampigkeit, ist es böse Absicht, oder schlicht nur entlarvend für den entsprechenden Kollegen, der auf Bilder, die Putin in der Kirche zeigen, in einem Nachrichtenfilm sagt: "Putin schmeichelt der orthodoxen Kirche"? Jelzin war bei ihm schlicht in die Kirche gegangen. Es gibt noch mehr Beispiele, aber ich will den Faden weiter spinnen – über Beispiele kann man immer noch reden – und deshalb jetzt über die Rolle von Interessen sprechen. Interessen bestimmen bewusst oder unbewusst die Berichterstattung. In der Auslandsberichterstattung, der ich mich mit Blick auf Russland ganz besonders verbunden fühle, wirkt sich das ziemlich verheerend aus, denn im Inland hat ja jeder noch halbwegs die Chance, das, was er gehört oder vorgeführt kriegt, auch selbst zu überprüfen. Nicht immer, aber oft. Was das Ausland betrifft, so ist er viel mehr auf die Seriosität von Berichterstattung angewiesen, weil er eben in der Regel selbst nichts überprüfen kann – und da entstehen dann ganz schnell schiefe Bilder, auf deren Grundlage ebenso schiefe Schlussfolgerungen gezogen und schiefe Entscheidungen getroffen werden. Weltpolitik ist immer eine Frage von Interessen. Das ist grundsätzlich auch nichts Verwerfliches. Entscheidend dabei ist nur, diese Interessen beim Namen zu nennen und ihnen nicht irgendwelche ideologische oder gar humanitäre Deckmäntelchen umzuhängen, damit die Interessen besser aussehen. Dass sich Politiker so verhalten, liegt möglicherweise in der Natur der Sache, aber Journalisten dürfen das nicht mitmachen, oder sie verlieren ihre Glaubwürdigkeit. Es geht auch niemals ums Parteiergreifen, aber es geht sehr wohl darum, sich in die Lage all derer zu versetzen, über deren Lebensrealität man berichten will. Es gibt ein indianisches Sprichwort, das sagt: "Großer Geist gib, dass ich meinen Nachbarn nicht eher tadle, als ich eine Meile in seinen Mokassins gewandert bin". Es gibt in den seltensten Fällen nur Gute oder nur Böse. Die gibt es nur im Märchen, und Märchen wollen Journalisten doch wohl nicht erzählen, nehme ich mal an. Und eigentlich auch nicht mit zweierlei Maß messen. Das ist etwas, was nach meinem Eindruck die Berichterstattung mit Blick auf Rußland sehr stark beherrscht und ich werde zur Illustration ein Paar Beispiele nennen.
Tschetschenien ist als Thema schon genannt worden. Sergej Kowaljow, der Menschenrechtler, der in gewisser Weise die Nachfolge von Andrej Sacharow angetreten hat, als Mahner – der hat bei aller Kritik an dem, was sich in Tschetschenien abgespielt hat, folgendes gesagt. Ich zitiere: "Tatsache ist, dass die Russische Armee zum ersten mal seit dem Zweiten Weltkrieg in Dagestan eine echte Befreiungsaktion durchgeführt hat". Haben Sie das irgendwo hier gelesen oder gehört? Warum nicht?
Journalisten müssen Fragen stellen, sie müssen sie nicht beantworten, aber sie müssen Fragen stellen. Zum Beispiel: Was unterscheidet einen serbischen Terroristen von einem tschetschenischen? Oder: Wenn der deutsche Verteidigungsminister sagt, wir führen keinen Krieg gegen das serbische Volk und der russischen Verteidigungsminister sagt, wir führen keinen Krieg gegen das tschetschenische Volk; wer ist dann glaubwürdiger und warum? Noch etwas – nur so ein kleiner "Sprengsel", wo man sich möglicherweise selbst erwischt. Und vielleicht traut man sich sogar es zuzugeben, dass man sich erwischt fühlt. Können Sie sich den weltweiten Aufschrei vorstellen, wenn ein russisches U-Boot statt einem amerikanischen das japanische Schulschiff versenkt hätte? Oder: was glauben Sie, wie viele Sondersendungen wir füllen würden, wenn statt der Israelis, die sich neuerdings immer schamloser über Völkerrecht hinwegsetzen, sich die Russen so verhielten? Ein ganz anderes Beispiel, aber derselbe Mechanismus: nehmen Sie das amerikanische Wahldesaster. Das in Rußland. Jeder würde sagen, "siehst Du, typisch". Und man würde eine Grundsatzdiskussion über Demokratieverständnis anfangen. Ganz klar. Bei den Amerikanern finden wir das zwar peinlich und lächerlich, aber so etwas kann ja passieren. Warum sprechen wir mit Blick auf Amerika von wachsendem Patriotismus? Und mit Blick auf Rußland immer von wachsendem Nationalismus? Warum?
Es relativiert sich jetzt (nach dem Terroranschlag in New York am 11. September, d. Redaktion) vielleicht einiges. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als es bei den Bombenanschlägen in Moskau – auf Häuser, in der Metro – Kommentare gab, die etwa lauteten: "Russland ist eben nicht in der Lage, die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren. Das wußten wir ja immer schon". Es relativiert sich nun. Vielleicht ist in dieser Phase – das mag sich zynisch anhören, soll es aber nicht sein – dieses Desaster ein Chance, auch für die Berichterstattung und hoffentlich nicht nur für die.
Bei der Gelegenheit möchte ich noch einen Punkt zum Fernsehen sagen. Der große Vorteil des Fernsehens ist gleichzeitig sein größter Nachteil – die Bilder. Bilder haben Aussagekraft, das ist ganz klar. Aber wie bebildere ich politische Information? Das ist auf der einen Seite eine reizvolle Herausforderung, birgt aber auf der anderen Seite ein gewaltiges Risiko, denn es fallen Themen durch die Ritze mangels Bilder, und andere Themen bekommen eine Bedeutung, die ihnen nicht zusteht, aber man hat halt attraktive Bilder. Ein Beispiel auf Russland bezogen – es gibt noch ganz andere – das russische Parlament hat innerhalb von drei Monaten etwa 150 Gesetze durchgepeitscht. Ganz wichtige, die Weichenstellungen sind ganz wichtig. Haben Sie davon im Fernsehen etwas erfahren? Es ist ja auch schwierig mit der Bebilderung. Aber eine explodierende Gasleitung ist allemal einen Nachrichtenfilm wert, wenn es spektakuläre Bilder gibt. Und was lehrt uns das über das hinaus, was wir alle ohnehin wissen, dass es in Russland über weite Strecken marode Gasleitungen gibt?
Zwei Bemerkungen zum Schluß. Wenn man nach den Ursachen und den Quellen forscht. Die Grundlage für eine schiefe Berichterstattung und ein schiefes Bild scheint mir nicht zuletzt durch folgende Faktoren begünstigt: Dem Westen ist nun mal eine gewisse Überheblichkeit immanent. Das ist gar nicht bösartig, das ist nahezu automatisch, das ist nahezu unbewußt. So nach dem Motto: es geht uns besser, also sind wir auch besser. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Es hat auch beinahe etwas von Chic – wenn ich so den Eindruck wiedergebe, den ich auf meinen Reisen durch Deutschland bei Diskussionen habe - "russische Zustände" zu beklagen. Dieses leidende Gemäkel – es ist ja alles so schwierig. Es ist vieles sehr schwierig. Das habe ich auch ausführlich in meinen Büchern beschrieben und in meinen Vorträgen unterschlage ich das nicht. Aber gerade wir sollten doch wissen, dass das politisch Wünschbare und das politisch Machbare zwei verschiedene Dinge sind. Es hat doch überhaupt keinen Sinn – weder in der Politik noch in den Medien – sich in hehren Forderungen zu ergehen, an denen dann die tatsächlichen Unzulänglichkeiten noch unzulänglicher aussehen.
Weil es bei dieser Tagung eine wichtige Rolle spielt, ganz kurz zur Zivilgesellschaft. Das Thema ist ein gutes Beispiel dafür. Zivilgesellschaft braucht Zeit, um zu wachsen. Aber Russland hat keine Zeit, sie wachsen zu lassen. Und einerseits setzt Zivilgesellschaft ein gewisses Maß an Wohlstand und Ordnung und Verlässlichkeit voraus denn wer sich täglich mit existentiellen Problemen herumschlagen muss, hat keine Lust und keine Zeit, den mündigen Bürger zu spielen. Andererseits soll gerade die Zivilgesellschaft dazu beitragen, dass sich ein Land schneller, besser, menschlicher entwickelt. Was ich nur sagen will: die Realität ist eben doch farbenprächtiger als sich das manch notorischer Schwarz – Weiß – Maler so vorstellt. Gefragt ist eine kritische, aber – wie ich denke – wohlwollende Begleitung durch die komfortabler lebenden Nachbarn. Und da denke ich, sind die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ganz besonders gefordert. Da reicht es nicht, zweimal im Jahr an den Baikalsee oder in den Kaukasus zu reisen. Wir brauchen etwas Regelmäßiges, Wiederfindbares zum Abbau von Vorurteilen, denn das Interesse an der Basis ist ja da. Es ist ja nicht so, als ob sie das nicht wollte.
Es gibt keine Patentrezepte, wie man das richtig oder falsch macht als Journalist, es gibt keine Anleitung, es gibt keine Checkliste. Aber lassen Sie mich in Ermangelung einer verbindlichen Gebrauchsanweisung für professionelle Berichterstattung ein paar journalistische Tugenden anführen, die wir vielleicht versuchen sollten zu kultivieren: Neugier – ohne voyeristisch zu sein. Mitgefühl – ohne jede Parteilichkeit und auch ohne diesen ganzen Betroffenheitskäse. Bildung – ohne Hang zu verklausulierten Sprache, die kein Mensch mehr versteht. Präzision – ohne Langweile zu verbreiten. Einfachheit, Klarheit – ohne unangemessen zu versimpeln. Stabilität im Sinne von Zivilcourage, um auch mal gegen den Strom zu schwimmen, denn unsichere, ängstliche Journalisten, die auf jeden Trend hüpfen, sind genauso fehl am Platz wie die arroganten Besserwisser, die sich stets auf der "richtigen" Seite wähnen. Und nicht zuletzt Mut, um auf Fragen auch mal zu antworten: "Das weiß ich nicht".


www.krone-schmalz.de
 
 

 

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Alexander Frick, freier Journalist

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