|
|
|
 |
 |
 |
 |
IM GESPRÄCH MIT MICHAEL RINGIER |
 |
|
|
|
|
ZOOM Kommunikation und Medien: Herr Ringier, Ihr Unternehmer ist das grösste Verlagshaus der Schweiz und spielt für die Öffentlichkeit in diesem Land eine entsprechende Rolle. Wofür steht der Ringier-Konzern ein?
Michel Ringier: Für zwei Dinge. Erstens für Demokratie und Menschenrechte - das ist auch in unseren Publizistischen Leinlinien verankert - und zweitens für einen bestimmten Journalismus, der nicht leicht zu definierren ist. Man kann ihn mit Leitlinien ungefähr beschreiben, aber solche Grundsätze müssen jeden Tag gelebt und diskutiert werden.
Von der Meinungspresse zum Medienmarkt
Zoom K&M: Ihre Prinzipien sind also formaler Art. Demokratie ist ja eine Form des politischen Zusammenle- bens, und Qualitätskriterien sind formalisierte Massstäbe, an denen man journalistische Arbeit misst. Im Ver- gleich dazu hatten früher die Zeitungsverleger doch meist ein politisches Credo, sie standen für eine be- stimmte Weltanschaffung oder eine politische Auffassung ein. Gibt es solche inhaltlichen Vorgaben bei Ihnen nicht?
Ringier: Nein. Zwar gibt es gewisse politische Leitlinien, aber sie sind sehr weit definiert. Der Vorteil der früheren Verhältnisse war, das jede Partei ihren eigenen Vertreter in den Medien hatte. Solange dieses pluralistisches System gespielt hat, war das in Ordnung. Bei den heutigen Verhältnissen, da die Medienlandschaft sich in viele kleine und ganz grosse Verlage aufteilt, wäre es meiner Meinung nach enorm gefährlich, wenn immer noch dieselben verlegerischen Ausrichtungen dominieren würden. Würde ich als Vertreter einer politischen Partei agieren, so wäre dies für das Haus, aber auch für das Land ein sehr problematischer Hintergrund. Deshalb definieren wir uns über den Journalismus, auch über Moral und Ethik – aber nicht über Politik.
ZOOM K&M: Bleiben wir beim Journalismus. Ihr Konzept bedeutet ja, dass Sie sich als Sachwalter des Öffentlichen sehen: Sie verpflichten sich einem allgemeinen Öffentlichkeitsinteresse und nicht einem ideologischen Segment oder einem weltanschaulichen Credo.
Ringier: Unser Massstab sind natürlich die Leser. Nun kann das nie absolut gelten, denn das würde sonst Tür und Tor öffnen für Dinge, die wir gar nicht machen wollen. Dennoch, wir richten uns in erster Linie an den Leser und in zweiter Linie nach unseren Vorstellungen von Journalismus. Das zeigt sich an Beispiel des Blick. Wenn Sie die europäischen Boulevardzeitungen mit dem Blick vergleichen, so ist dieser doch eine sehr schweizerische Zeitung, die geprägt ist von diesem Land und Werten, die hier gelten, aber auch von dem, was der Verlag aufgrund seiner Wertesetzungen tut. Mann könnte die schweizerische Boulevardzeitung auch anders machen, und bei einem anderen Verleger würde sie vermutlich anders aussehen.
ZOOM K&M: An was für Unterschiede denken Sie?
Ringier: Sie hängen mit schweizerischen Charakterzügen zusammen. Vergleichen Sie bloss den Stil von Parlamentdebatten in Deutschland, England und der Schweiz! In Deutschland oder auch England wird hart, oft aggressiv debattiert. In der Schweiz schwebt über allem der Kompromiss. Er hat auch die Mentalität der Menschen geprägt. Konflikte werden weniger aggressiv ausgetragen. Man such zum vornherein nach Lösungen und nach Gemeinsamkeiten. Da prägt auch eine Boulevardzeitung. Der Blick ist ganz bestimmt viel weniger aggressiv als eine vergleichbare englische oder deutsche Zeitung. Der zweite Grund hängt nicht mit dem Land zusammen: Es gibt keine Konkurrenz. Solange der Blick die einzige Boulevardzeitung ist, fällt es uns relativ leicht zu entscheiden, wie weit man gehen kann. Würde es eine zweite Boulevardzeitung geben, so würde es schwieriger solche Entscheidungen zu treffen. Konkurrenz heisst ja auch, dass man mit allen möglichen – und oft nicht den vornehmsten – Mitteln versucht, den Leser zu gewinnen.
ZOOM K&M: Das Konzept des Blick ist augenscheinlich in jüngster Zeit verädert worden. Man findet vermehrt Politik und Kultur. Weshalb diese Kurskorrektur?
Ringier: Wir beobachte , das die Menschen sich verändern. Eine Zeitung, vor allem eine Massenzeitung, ist Ausdruck davon, was die Leute denken, worüber sie reden, was sie beschäftigt. Wir haben festgestellt, dass die Themenbereiche Politik, Wirtschaft, aber auch Kultur die Menschen viel stärker berühren als noch vor zehn Jahren. Das ist zunächst keine moralische Frage, sondern eine geschäftliche Überlegung. Mit dem berühmten Polizistenmord in Möhlin machen Sie heute keine Auflage mehr. Die Leute interessieren sich dafür, was Tito Tettamanti tut, was Herr Rey macht oder was in Bern passiert. In einer Rezession, wie wir in den letzten Jahren durchlebt haben, bekommen solche Fragen natürlich grössere Bedeutung. Wir haben diesen Dingen grosses Gewicht gegeben, sodass in den letzten zwei bis drei Jahren die typische Boulevardthemen eher etwas zu kurz gekommen sind.
ZOOM K&M: Sie haben von Leitlinien gesprochen. Könne Sie uns die näher erklären?
Ringier: An erster Stelle steht für uns die journalistische Ausrichtung. Aber selbstverständlich definieren wir unsere Haltung auch nach dem Markt. Nehmen wir das Beispiel Luzern. Die LNN gilt ja eher als „linke“ Zeitung. – ich empfinde sie zwar als bürgerlich, aber es ist klar, dass die Luzerner Zeitung sich rechts von LNN bewegt. Es wäre völlig unsinnig gewesen, die LNN auch in diesem Segment anzusiedeln. Es war also die Aufgabe der Journalisten, den Grünen oder anderen politischen Bewegungen, die in den anderen Zeitungen kaum zu Wort gekommen sind, ein bisschen mehr Platz einzuräumen. Es handelt sich immerhin von einem Wählerpotential von etwa 25 Prozent. Ein Viertel einer Region ist also von anderen Zeitungen wenig beachtet worden. Es war nicht unsere Neigung, sondern unsere journalistische Aufgabe, die unterrepräsentierten Gruppen zu Wort kommen zu lassen. Im umgekehrten Fall hätten wir vielleicht die SVP mehr in den Vordergrund gerückt. Solche Marktmechanismen sind gesund. Solange sich das in einem gewissen journalistischen Rahmen bewegt, habe ich überhaupt keine Probleme.
Glaubwürdigkeit
ZOOM K&M: Ein funktionierender Markt kann die Bedürfnisse der verschiedenen Lesersegmente abdecken, und insofern sind die Leute gut bedient, wenn die Verleger sich nach dem Markt richten. Trotzdem beobachtet man – deutsche Untersuchungen haben es kürzlich gezeigt -, dass die Glaubwürdigkeit sämtlicher Medien insgesamt singt. Das Vertrauen, dass Medien richtig und angemessen informieren, nimmt ab, weil man spürt, dass das journalistische Interesse bei den Medien nicht das einzige und oft nicht das ausschlaggebende ist. Wenn da etwas dran ist, muss das Problem der Glaubwürdigkeit für ein Medienunternehmen eine ganz brennende Frage sein.
Ringier: Erstens ist das kein neues Problem. Als ich vor über zwanzig Jahren in die Journalistenschule ging, hörten wir von einer Untersuchung über den Image von Journalisten. Sie rangierten an zweitletzter Stelle knapp vor den Autoverkäufern. Zweitens kommt hinzu , dass in den letzten fünf Jahren sich der Konkurrenzkampf unglaublich intensiviert hat. Dieser Kampf ist nicht immer mit sehr vertrauenerweckenden Methoden geführt worden. Darüber müssen sich die Verleger sicher Gedanken machen. Allerdings ist es für mich eher beruhigend, dass die Menschen ein gesundes Misstrauen haben gegen alles, was geschrieben und gesendet wird.
ZOOM K&M: Gesunde Skepsis ist den Medien gegenüber sicher angebracht, doch das Misstrauen kann zu einem Problem werden. Die Zahl der Medienabstinenten nimmt zu.
Ringier: Dafür habe ich ein Gewisses Verständnis, vor allem mit Blick auf das Fernsehen. Wenn man etwa an Gesprächsendungen bestimmter deutscher Sender denkt, so hat das ja mit Gesprächskultur nichts mehr zu tun. Es geht nur darum, wer am lautesten schreien kann. Wenn sich die Leute davon abwenden, ist das eher beruhigend. Damit eröffnet sich auch ein neuer Markt. Die geschriebene Presse hat die Aufgabe, diese Leute wieder zu holen. Das ist zwar nicht einfach, aber längerfristig geht die Entwicklung eher wieder zugunsten der Presse. Das gedruckte Wort ist überprüfbar, und das ist der grosse Trumpf der Printmedien. Fernsehen geht schnell vorbei; die geschriebene Presse dient mehr dem Verständnis.
ZOOM K&M: Die geschriebene Presse ist zunehmend auch eine bebilderte Presse. Die technischen Möglichkeiten der Bildmanipulation werden immer perfekter, sodass der Betrachter eine Verfälschung gar nicht mehr feststellen kann. Es sind in der Presse schon Bildmanipulationen vorgekommen, und der Konkurrenzdruck kann auch hier zu Dammbrücken führen. Umso dringlicher wird die Aufgabe, sich als glaubwürdig darstellen zu können.
Ringier: Es hat solche Fälle in Deutschland gegeben, aber ich weiss von keinem Vorkommnis in der Schweiz, und ich hoffe, es werde auch nicht dazu kommen. Es ist eine Sauerei, wenn man Prinzessin Caroline ein fremdes Baby in die Armen montiert und dies als Originalfoto veröffentlicht. Wer das tut, verstösst nicht nur gegen Anstand und Sitte, sondern schadet den eigenen Geschäftsinteressen.
Interne Qualitätsentwicklung
ZOOM K&M: Glaubwürdigkeit ist das kapital der Presse. Sie muss es erwirtschaften, mit ihm arbeiten und darf es nicht verschleudern. Vielleicht ist dies der wirksamste Hebel, um Ethik im Unternehmen zu institutionalisieren. Was tun Sie, um die Ressource Glaubwürdigkeit in Ihrem Unternehmen längerfristig zu erhalten?
Ringier: Das erste und wichtigste ist, sich den eigenen Mitarbeiter gegenüber so zu verhalten, dass man glaubwürdig ist. Das zweite ist die journalistische Thematisierung dieser Dinge. Wir diskutieren oft und intensiv über Inhalte.
ZOOM K&M: Wie hat man sich das vorzustellen? Sie führen diese Gespräche als laufende Qualitätskontrolle der journalistischen Arbeit?
Ringier: Ja, so kann man das sagen. Es gibt Gremien und Einzelpersonen in diesem Haus, die sich dieser Aufgabe widmen. Auch ich selbst diskutiere mit den Chefredaktoren über ihre Zeitungen und Zeitschriften. Die Chefredaktoren müssen uns ihre Produkte regelmässig präsentieren und erklären: was sie machen, wie und weshalb sie es machen und wie sie es in Zukunft tun werden. Grundlegenden Fragen wie unter anderem Glaubwürdigkeit kommen hier zur Sprache. Das ist ja das Schöne an unserem Beruf. Zum Vergleich: Die Marlboro ist einmal erfunden worden und ist heute genauso wie damals. Coca Cola bleibt auch immer das gleiche. Eine Zeitung hingegen kann nie so bleiben, wie sie gewesen ist. Sie muss sich mit ihrem Leser verändern, wenn möglich sogar ein bisschen schneller als der Leser. Schon deswegen muss man die ständige Diskussion über die Zeitungen und Zeitschriften in unserem Haus institutionalisieren.
ZOOM K&M: Es gibt eine grosse Erfolgsgeschichte bei Ringier, das Cash . Diese Zeitung bestätigt sich in einem Markt, in dem die Konkurrenz zu anderen Wochen- und Wirtschaftzeitungen sehr gross ist. Bei Cesh gibt es so etwas wie einen Zwang zum Primeur. Man braucht aufsehenerregende Geschichten im Wochenrhythmus. Die journalistische Sorgfalt könnte dadurch zumindest tangiert sein. Wie wird nun dieses Problem, das ja direkt mit dem Konzept der Erfolgszeitung Cesh zusammenhängt, bei Ihnen diskutiert.
Ringier: Indem wir regelmässig über die Aufgabe der vergangenen Woche oder Monate diskutieren. Zusätzlich gibt es einzelne Geschichten, die man sofort besprechen muss, weil sie möglicherweise ein Problem aufwerfen. Der Zwang zum Primeur hat im übrigen nicht nur Cesh, sondern jede Tageszeitung. Zu meinem Verständnis zum Journalismus gehört unbedingt, dass man Geschichten findet, die andere nicht haben. Das wird in der Schweiz ein bisschen vernachlässigt. Man nimmt es relativ gemütlich. Gerade dies schaffte für Cesh eine Marktlücke. Diese Zeitung hat es sich auf die Fahne geschrieben, dass sie jede Woche irgendeine exklusive Geschichte haben möchte. Und ich kann mich an keine erinnern, wo die journalistische Sorgfaltpflicht übermässig strapazier worden wäre.
ZOOM K&M: Ein anderes Problem ist die Furcht vor Kriminalität. Die Gefahr, Opfer eines Verbrechens zu werden, wird in vielen Teilen der Bevölkerung masslos überschätzt. Unter dem Stichwort „Innere Sicherheit“ wird darauf mit einer ganzen Politik geantwortet. An der folgenreichen Fehleinschätzung sind die Medien, und zwar besonders die Boulevardpresse, sicher massgeblich mitschuldig. Gibt es darüber eine Diskussion in Ihrem Haus?
Ringier: Natürlich gib es das. Ich habe aber festgestellt, das Verbrechen gerade im Blick eine viel geringere Rolle spielen als noch vor einigen Jahren. Das hat auch damit zu tun, dass der Markt für Verbrechen kleiner geworden ist. Es gibt immer ein Art Trendjournalismus, so wie es Gesprächsthemen der Bevölkerung gibt. Zur Zeit dominiert das Drogenproblem, und damit kommt auch das Thema Kriminalität zur Sprache. Mit der Zeit verschwinden solche Wellen wieder. Über das Waldsterben redet heute praktisch niemand mehr. Dennoch wir diskutieren über die Behandlung von Verbrechen: Wie weit soll man gehen, wie oft berichtet man, welche Verbrechen behandelt man überhaupt. Aber es ist ebenso wichtig, dass die Schere im Kopf des Journalisten, auch die moralische Schere, nicht allzu gross wird. Der Journalist hat ja in erster Linie zu Berichten, was passier und womit sich die Leute auseinandersetzen. Wenn er zu viele Rotstifte mit sich trägt, kann er seine Aufgabe nicht mehr erfüllen. Irgendwo muss er aufhören, sich mit der Frage zu Beschäftigen, was er mit seiner Arbeit bewirkt. Sonst ist er nicht mehr fähig seinen Job auszuüben. Wir können der Welt nicht nur erzählen, was sie gerne hören möchte.
ZOOM K&M: Das steht in einem gewissen Widerspruch zu der Erfolgsvorgabe, die Ihre Journalistinnen und Journalisten haben, und zum Denken in Marktkategorien. Sie haben das soeben beschrieben: Der Markt kann sogar für das Verbrechen, das ja als Grundkonstante der Boulevardpresse gilt, enger werden, und dann nehmen Sie diesen Anteil zurück. Das Publikum jedoch, obschon es inzwischen über das Geschäft der Medien einigermassen aufgeklärt ist, geht trotzdem immer noch vor der Annahme aus, dass die Journalisten ihm das berichten, was wirklich passiert – und nicht das, was vom Themenmix des Verlagskonzepts vordefiniert ist.
Ringier: Sie selbst haben ja vom Misstrauen gegenüber Journalisten gesprochen. Es ist natürlich klar: was in den Medien passiert ist nicht die Realität. Vor allem die Boulevardmedien, und dazu gehört auch da Fernsehen, stellen bevorzugt das Aussergewöhnliche dar. Dafür interessieren sich ja die Menschen.
ZOOM K&M: Das versteht sich, es ist sozusagen die Absprache zwischen der Öffentlichkeit und den Medien.
Ethische Schranken und journalistische Freiheit.
Sie haben sinngemäss gesagt, man solle die Medien nicht für die Folgen Ihres Tuns haftbar machen. Nun ist es aber eine Grundfigur der Ethik, das handeln von den Folgen her zu beurteilen und für die Folgen teilweise auch Verantwortung zu übernehmen. Greifen wir nochmals das Thema der Verbrechensfurcht auf. Hier kann ein fataler Kreislauf ausgelöst werden: Die Welle der Verbrechensberichte verfälscht das Bild der Wirklichkeit, löst Angst aus und begünstigt populistische Rezepte. Und das wiederum wird zu neuem Stoff der Berichterstattung, worauf sich die Spirale weiter nach oben schraubt.
Ringier: Die Bevölkerung kann da sehr gut differenzieren. Eine gewisse Art von Kriminalität hat unzweifelhaft stark zugenommen. Ich kenne in meinem Bekanntenkreis jede Menge Leute, denen die Handtasche geklaut worden ist. Das hat es früher nicht gegeben. Da aber die schweren Verbrechen nicht zugenommen haben, fühlen sich die Menschen generell nicht unsicher, vielleicht mit Ausnahme älterer Leute. Zudem gibt es bestimmte Gegenden gerade in dieser Stadt, die tatsächlich unsicher sind. Ich muss sagen, dass ich froh bin, meine Kinder nicht im Zürcher Kreis fünf in den Kindergarten schicken zu müssen. Das ist ein riesiges Problem. Wenn der Journalist nur denken müsste, er dürfe darüber nicht mehr berichten, weil er den Leuten sonst Angst mache, dann würde er seine Aufgabe verfehlen. Es gehört zum Journalismus, auch sehr schwierige Dinge zu thematisieren und Diskussionen auslösen. Die vermeintlich ethische Selbstbeschränkung wäre in ihrer Auswirkung viel gefährlicher, als wenn ein Journalist einmal zu weit geht. Wir hatten ja in Osteuropa die Medien, die nur die verordnete Wirklichkeit darstellten. Das ist viel schlimmer als die gelegentlichen Missgriffe, die Journalisten in einer freien Welt tun.
ZOOM K&M: Zum Thema Rassismus haben sie selbst Stellung genommen. Sie bezeichneten ihn als eine Gefahr für die Demokratie. Wäre dies für Sie demnach ein Punkt, an dem die Journalisten die Folgen ihres Handels bedenken müssen und wo es für publizistische Freiheit eine prinzipielle Grenze gibt?
Ringier: Unbedingt! Wenn man für Demokratie ist, muss man für sie kämpfen. Es gibt fundamentale Rechte, welche jeder Mensch jederzeit haben müsste. Dazu gehört das Recht nicht aufgrund seiner Rasse oder Religion diskriminier zu werden. Diese Rechte stehen heute stärker in der Diskussion als vor fünf oder zehn Jahren. Ich hielt den Zeitpunkt für gekommen, dazu in jeder internen Rede, auf die Sie anspielen, Stellung zu nehmen. Demokratie ist nichts endgültig Feststehendes; sie muss jeden Tag erkämpft werden. Wer das Recht auf Meinungsfreiheit höher einstuft als das Recht, nicht diskriminiert zu werden, hat meiner Meinung nach, keine Ahnung von Demokratie. Das Recht auf Schutz vor Diskriminierung ist, in der Bankensprachen ausgedrückt, ein Triple-A-Recht, und die Meinungsfreiheit muss sich ihm unterordnen. Dies wollte ich als Haltung des Hauses Ringier im Blick auf die öffentliche Auseinadersetzung klarstellen.
Verlegerische Verantwortung
ZOOM K&M: Wie kann man solche ethischen Prinzipien in einem Unternehmen durchsetzen? Wie geht man, um damit anzufangen, auf der obersten Geschäftsebene des Hauses Ringier mit solchen Themen um?
Ringier: Das beste ist, wenn die Berücksichtigung ethischer Gesichtspunkte zum Normalfall wird, das heisst wenn man Strategien und einzelne Aktivitäten immer auch auf solche Werte hin anschaut und diskutiert. Ich als Verleger trage dafür jedenfalls eine Verantwortung. Ich sorge dafür, dass dieses Gespräch bei uns stattfindet. Es wird ausserdem auch dafür geachtet, wie ich mich verhalte und wie ich mich äussere. In der Personalpolitik spielt der ethische Aspekt ebenfalls eine Rolle. Wenn das Gespräch wichtig ist, befördern wir selbstverständlich Menschen, die zu solchen Nachdenken fähig sind. Es ist ja kein Zufall, dass ein Friedolin Luchsinger Chefredakteur des Blick ist – das es früher Peter Übersax war, ist auch kein Zufall.
ZOOM K&M: Ethik verkörpert sich also ganz stark in Personalpolitik.
Ringier: Ja, das sind die Signale, die man aussendet. Man befördert nicht nur Menschen, sondern mit ihnen auch die Wertvorstellungen. Es gibt die sogenannte Unternehmenskultur. Sie besteht, wie ich glaube, ausschliesslich in den Menschen, die befördert werden und in den Wertvorstellungen, die man ihnen entgegenbringt.
ZOOM K&M: Und welche Rolle spielen Strukturen, zum Beispiel ein Redaktionsstatut?
Ringier: Das hat wohl eine gewisse Bedeutung, aber ich halte nicht allzuviel davon. Ich bin froh und stolz, das wir unser Redaktionsstatut in den letzten zehn, zwölf Jahren überhaupt nicht mehr angeschaut haben. Das Verhältnis zwischen Verlag und Redaktion ist an dem zu messen, was im Alltag geschieht. Im Grunde ist es wie mit einem Ehevertrag. Wahrscheinlich braucht es den, aber für eine gute Ehe spielt er keine Rolle.
ZOOM K&M: Im journalistischen Alltag geht es ja meistens hektisch zu. Selbst in einem gutdatierten Unternehmen sind die persönliche Ressourcen ständig knapp. Man hat stets weniger Zeit, als man bräuchte, um ein Thema ganz sorgfältig behandeln zu können. Was die Mitarbeiterin und Mitarbeiter an der Front hautnahe erleben, das sind Erfolgszwangs und Gebote des Markts. Die Gespräche über ethische Fragen sind faktisch nur auf den höheren Etagen möglich. Nur in Ausnahmefällen – wie vielleicht jetzt in der Rassismusfrage – kann etwas so thematisiert werden, das im ganzen Unternehmen davon gesprochen wird.
Ringier: Es ist richtig, was Sie sagen. Der operative Alltag hat seine eigenen Regeln. Umso wichtiger sind die genannten Gespräche. Ich muss aber auch sagen, dass es zum Glück nicht jeden Tag solche Diskussionen über ganz grundlegende Dinge braucht. Umso mehr zeigen sie dann aber Wirkung bei den Führungskräften. Unser Hauptproblem ist folgendes: Jeder Fehler, der in einem Verlag passiert, ist öffentlich. Läuft in einer Bank einmal etwas falsch, so ist es eine Sache zwischen dem Bankangestellten und mir als Kunde. Wir habe vielleicht einen Ärger, allenfalls wird ein Dritter eingeschaltet. Wenn aber ein Journalist etwas schreibt, ist er sogleich publik. Die Anforderungen sind also äusserst hoch, und selbst wenn man alle Anstrengungen unternimmt, wird es immer Fehlleistungen geben.
ZOOM K&M: Wenn die Fehler im Journalismus stets öffentlich sind , dann wäre es doch sinnvoll, über die internen Diskussionen ebenfalls vermehrt zu berichten und so dem Publikum zu zeigen, dass man aus den Fehlern lernt. Das würde die Leute bestimmt interessieren.
Ringier: Wir tun das auch, indem ununterbrochen Leute von uns an Diskussionsabenden und Podiumsgesprächen teilnehmen. Auch dieses Interview hat wohl eine solche Funktion. Journalsite tun sich manchmal etwas schwer damit, eigene Fehler einzugestehen. Diese Haltung ist verbesserungsbedürftig. Eine kleine Entschuldigung in der Zeitung wäre oft sinnvoller als lange Prozesse und Gegendarstellungen und würden der Glaubwürdigkeit der Medien keinen Abbruch tun.
Die Rolle der Journalisten.
ZOOM K&M: Ihre Schilderung der ethischen Auseinandersetzungen in Ihrem Unternehmen erweckt den Eindruck eines Vorgangs, der streng von oben nach unten läuft. Sie diskutieren mit den Chefredaktoren und greifen vor allem mit Personalentscheidungen ein. Redaktionsstatuten, die auch den Mitarbeiterin und Mitarbeitern an der Unternehmensbasis ein Instrument in die Hand geben, sind für Sie nicht so wichtig. Solche Strukturen sind für die journalistische Arbeit sehr prägend. In Ihrer Darstellung spielen die Journalisten eine geringe Rolle.
Ringier: Es ist klar, dass die Journalisten die Zeitungen machen, nicht der Verleger. Der meldet sich nur ab und zu, um über die tägliche Arbeit der Journalisten zu diskutieren. Ich hoffe genauso lernfähig zu sein wie die Journalisten. Die Diskussion über die Qualität findet selbstverständlich auch auf der Ebene der Journalistinnen und Journalisten statt, und auch von da muss etwas nach oben kommen. Es ist also kein einseitiger Prozess, und für dieses Gespräch zwischen Basis und Führung gibt es eine recht grosse Toleranzbreite. Was ich nicht tolerieren könnte, wäre – um ein theoretisches Beispiel zu nennen – das Ausscheren einer Redaktion aus unserer Linie beim Gesetz gegen Rassismus. Solche Probleme haben wir bisher nie gehabt. Es ist ja nicht zufällig, dass Journalisten zu bestimmten Zeitungen gehen. Sie suchen ein Blatt, das mit ihren eigenen Ansichten einigermassen übereinstimmt. Damit akzeptieren sie im weitesten Sinn die Ausrichtung einer Zeitung. Wer zur WoZ will, hat sich für diese Linie entschieden und geht eben nicht zum Bund.
ZOOM K&M: Das Beispiel WoZ ist in der heutigen Presselandschaft fast exotisch. Die meisten Titel sind Forumszeitungen, die breite Meinungsspektren abdecken. Die Journalisten entwickeln Beweglichkeit und Distanz als professionelle Kompetenzen. Ist im modernen Berufsbild des Journalisten überhaupt noch vorgesehen, dass er die Arbeit in Verbindung bringt mit persönlichen Überzeugungen?
Ringier: Zweifellos! An erster Stelle muss eine journalistische Überzeugung stehen, also Offenheit, Neugier. Wer den Artikel im Kopf schon geschrieben hat, bevor er mit der Recherche beginnt, genügt diesem Anspruch nicht. Die Freiheit des Journalisten muss vor allem darin bestehen, Ergebnissen von Recherchen zu veröffentlichen. Gewiss gibt es auch einen relativ grossen Spielraum für Meinungen. Der Markt steckt diesen Raum ab und macht auch die Proportionen deutlich. Deshalb gib es nur eine WoZ, und deshalb spielen die Publikationen am rechten Rand kaum eine Rolle. Dafür gibt es keinen Markt.
ZOOM K&M: Journalisten bewegen sich in einem konfliktreichen Feld. Sie stossen bei ihrer Arbeit gezwungenermassen auf Widerstände. Besonders spannend wird es, wenn Journalistinnen und Journalisten in Ausübung ihrer Arbeit mit ihrem eigenen Unternehmen in Konflikt geraten. Ein Konzern wie Ringier hat geschäftliche Interessen, die gerade im Medienbereich eine öffentliche Bedeutung haben. Wie frei können Ringier-Journalisten über die Unternehmenspolitik ihres genes Hauses berichten?
Ringier: Sie können so frei berichten wie über alles andere. Wahrscheinlich werden sie das nicht tun. Normalerweise entwickelt man als Journalist nicht nur zu der Zeitung, für die man arbeitet, sondern auch zum Verlagsunternehmen, dem man angehört, eine emotionale Beziehung. Deshalb wird im Kopf eine Barriere vorhanden sein, über das eigene Unternehmen genauso frei zu schreiben wie über ein fremdes. Es ist ja wichtig, dass Medienschaffende das Gefühl haben, in einem guten, dynamischen, anständigen Unternehmen zu arbeiten. Das Problem, dass man dann innerlich nicht ganz frei ist, wird in der Schweiz zum Glück dadurch gemildert, dass es immer noch genügend Konkurrenz gibt. Der Bick wird also über medienpolitische Vorhaben von Ringier eher positiv schreiben. Aber der Tages-Anzeiger oder die Basler Zeitung, die ja andere Pläne haben, werden die Haltung des Konkurrenten einnehmen. Dadurch gleicht sich die Berichterstattung in ganzen gesehen aus.
Konkurrenz macht Kontrollgremien überflüssig
ZOOM K&M: Wir haben von verlagsinternen Möglichkeiten der Auseinandersetzung über ethische Fragen gesprochen. Eine externe Instanz ist der Presserat. In anderen Ländern ist diese Institution eine öffentlich relevante Grösse, nicht zuletzt, weil Verleger und Journalisten sie gemeinsam tragen. Warum das Absatzstehen der Schweizer Verleger?
Ringier: Wir haben eine solchen Presserat in Deutschland. Habe Sie den Eindruck, in Deutschland stehe es mit den Fragen, von denen wir hier reden, in irgendeiner Hinsicht besser? Der deutsche Presserat ist eine Veranstaltung von netten Menschen, die voll guter Absichten nicht erreichen. Und eine öffentliche Diskussion gibt es schon gar nicht, zumindest nicht aufgrund des Presserates. Öffentliche Auseinandersetzungen finden nur dann statt, wenn die Medien in der Meinung der Leute zu weit gehen.
ZOOM K&M: Könnte ein Presserat nicht in solchen Themen die Meinungsbildung fördern und die Sensibilität wecken?
Ringier: Ich halte nicht viel bis gar nichts von der Wirkung solcher Räte, ob es der Presse- oder Werberat ist. Nach meiner Einschätzung funktionieren sie nicht. Ich halte es für besser, wenn die Journalisten sich ihrer Öffentlichkeit stellen, und die Öffentlichkeit reagiert besser und schneller als jedes Gremium von Weisen.
ZOOM K&M: Nun ist aber nicht jedes Medienunternehmen in der Lage, die Qualitätsdiskussion intern so einzurichten, dass es greift. Da kann doch der Presserat eine Hilfe sein, indem er anhand von Fällen ethische Leitlinien aufzeigt.
Ringier: Selbst wenn der Presserat gelegentlich eine bescheidene Wirkung haben kann, glaube ich nicht, dass es als Kontrollinstrument sinnvoll ist. Die Konkurrenz zwischen den Medien ist eine viel bessere und wirksamere Kontrollinstanz. Die Medien thematisieren sich ja gegenseitig, und das ist die bessere Art der Auseinandersetzung. Der Presserat hat keine Durchsetzungskraft und wird immer eine lahme Ente bleiben.
ZOOM K&M: Es erstaut uns, dass sie die gegenseitige Kritik der Medien so hoch veranschlagen. Uns schein eher, dass man sich in den Fragen der journalistischen Metiers in der Regel gegenseitig nicht so nahe tritt.
Ringier: Das gilt sicher nicht für den Blick Erwird ständig unter die Lupe genommen. Anderen Zeitungen passier das vielleicht weniger.
ZOOM K&M: Herr Ringier, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Red. Das Gespräch mit Michael Ringier fand am 13. September 1994 in Zürich statt. Die Fragen stellten Matthias Loretan und Urs Meier, der auch den Text redigiert hat. © ZOOM K&M
|
|
|
|
|
|
|
news / reportage / publizistik / video I / video II / journalismus / soziales / information / umfrage / pressefreiheit 2006 / pressefreiheit 2007 / pressefreiheit 2008 / pressefreiheit 2009 / charter on freedom / impressum /
*Der Inhalt dieser Seite ist auch für PDA, Mobiltelefon und VGA-PDA als Pocket PCs und Smartphones optimiert.
© a.f.medien - Studio für Neue Medien & Journalismus 1998 - 2010 Alexander Frick, freier Journalist |
PRESSEFREIHEIT DURCH SELBSTKONTROLLE | IFG - INFORMATIONSFREIHEITSGESETZ
|
|