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QUALITÄTSSTANDARDS IM JOURNALISMUS
 
MASSSTÄBE GEGEN DIE MASSLOSIGKEIT: 
ETHIK UND QUALITÄTSSTANDARDS IM JOURNALISMUS  
Über "Maßstäbe gegen die Maßlosigkeit - Ethik und Qualitätsstandards im Journalismus" diskutierten etwa 100 Medienwissenschaftler, Journalisten und Interessierte vom 20. bis 22. Februar in der Evangelischen Akademie in Arnoldshain im Taunus. Die zusammen mit dem "Netzwerk Recherche", der Evangelischen Medienakademie und dem Evangelischen Medienhaus Frankfurt organisierte Tagung wurde unterstützt vom SWR und der Zentralen Fortbildung für Programmmitarbeiter von ARD und ZDF

Der nachfolgende Beitrag von Diemut Roether erschien in „epd medien“ Nr. 15, 28. Februar 2004 und wurde in das Internet-Informationsangebot des Evangelischen Pressedienstes aufgenommen.

"Qualität gibt's nicht zum Nulltarif" - unter diesem Motto streikten in den vergangenen Wochen mehrere tausend Redakteure gegen die von den Verlegern geforderte Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen im Manteltarifvertrag. Doch nicht alle machten mit. In Oldenburg wurden nach Darstellung des Betriebsrates der "Nordwest-Zeitung" Streikbrecher von der Geschäftsführung mit Gutscheinen belohnt: Für 500 Euro konnten sie beim örtlichen Kaufhaus Leffers einkaufen gehen. Die Geschäftsführung bezeichnete die Gutscheine als "Zuwendung des Verlages für die engagierte Mitarbeit". Ethik im Journalismus?
Das Ansehen von Journalisten ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Nach den regelmäßig erhobenen Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Allensbach rangieren die Journalisten inzwischen auf einem der letzten Plätze: hinter den Studienräten, knapp vor Offizieren, Politikern und Gewerkschaftsführern.
Und Kampagnen wie die von "Bild" gegen die türkische Schauspielerin Sibel Kekilli (epd 14/04), welche die Hauptrolle in Fatih Akins mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film "Gegen die Wand" spielte, tragen nicht eben dazu bei, das Ansehen dieser Berufsgruppe zu heben. Beim Presserat seien bereits mehrere Beschwerden wegen der Berichterstattung über die Schauspielerin, deren Vergangenheit als Porno-Darstellerin "Bild" öffentlich gemacht hatte, eingegangen, sagte Geschäftsführer Lutz Tillmanns. Man darf gespannt sein, wie der Presserat mit diesen Beschwerden verfährt.

Ist guter Journalismus immer auch ethisch?

Führt eine bessere journalistische Ethik automatisch zu einem qualitativ besseren Journalismus? Wie kann andererseits die Beachtung von Qualitätsmaßstäben zu einem ethisch fundierten Journalismus beitragen? Die Diskussion über Ethik und Qualitätsstandards hatten die Veranstalter der Tagung in Arnoldshain in den Mittelpunkt gestellt.
Doch damit hatten sie zugleich bewirkt, dass an den drei Tagen munter durcheinander diskutiert wurde. Mal war von Qualität die Rede und mal von Ethik, selten wurde das eine klar vom anderen getrennt. Mehr noch: dass Ethik und Qualität manchmal durchaus im Widerspruch zueinander stehen, dass eine gute und heikle Recherche gelegentlich unter Missachtung ethischer Grundsätze stattfinden muss, dieses Dilemma wurde auf der Tagung leider nur einmal kurz angesprochen: Die Fotos des toten Uwe Barschel in der Badewanne mögen durchaus journalistischen Qualitätsmaßstäben und dem Anspruch auf Aufklärung entsprochen haben, gab ein Teilnehmer zu bedenken. Unter ethischen Gesichtspunkten war ihre Veröffentlichung fragwürdig.
Ein weites Feld, das die Veranstalter da aufgetan hatten, und nicht immer fiel es den Teilnehmern leicht, auf diesem weiten Feld einen gemeinsamen Weg zu finden. So wurde wieder einmal der Trend zur Popularisierung und Boulevardisierung der Medien beklagt. Die Journalistikwissenschaftlerin Margret Lünenborg merkte jedoch an, dass die Hinwendung zu populären Themen, die das Publikum interessieren, durchaus nicht automatisch Qualitätsverlust bedeuten müsse. Grundsätzlich sei nichts dagegen einzuwenden, dass Journalisten sich nicht ausschließlich mit Themen befassten, die nur eine gesellschaftliche Elite interessierten oder beträfen.

Kein Ort für den "ständigen Diskurs"

Journalisten müssten sich daher eigentlich in einem "ständigen Diskurs darüber befinden, wie sie ihren Beruf ausüben", forderte die Medienwissenschaftlerin Barbara Thomaß. Sie beklagte aber zugleich, dass es zu wenig Orte gebe, "an denen ein anspruchsvoller Diskurs über Fragen der Qualität und der Ethik geführt werden könnte". Das Gespräch über Normen und ihre Einhaltung finde nicht statt. Journalisten seien es gewohnt, Kritik an anderen zu üben, es hapere jedoch an der Selbstkritik.
In der Tat: Medienunternehmen, deren ureigenstes Interesse es ist, Vorgänge öffentlich zu machen und gegebenenfalls zu kritisieren, reagieren oft erstaunlich pikiert, wenn interne Vorgänge aus den eigenen Redaktionen öffentlich gemacht werden. Als WDR-Redakteure sich kürzlich in einer Resolution dafür aussprachen, die Quote nicht zum einzigen Maßstab für die Qualität eines Programms zu machen, beschimpfte sie WDR-Sprecher Rüdiger Oppers als "trojanische Esel", die sich im Streit um die Gebührenerhöhung von der Gegenseite instrumentalisieren ließen (epd 14, 11/04). Das Recht auf Kritik wird WDR-Journalisten in den Programmgrundsätzen zwar zugestanden - aber bitte nicht am eigenen Haus oder am gemeinsamen Dach der ARD!
Die Journalisten, welche die internen Auseinandersetzungen im WDR öffentlich machten, haben damit wohl einen kleinen Eindruck davon gewonnen, wie sich die so genannten Whistleblower fühlen, von denen auf der Tagung auch die Rede war: Whistleblower sind nach Darstellung des freien Journalisten Valentin Thurn Angestellte oder Beamte, die Missstände oder gar ungesetzliches Verhalten im eigenen Unternehmen oder der Behörde öffentlich machen.
So wie der Steuerfahnder Werner Borcharding, der drei leitende Beamte der Oberfinanzdirektion Münster wegen Rechtsbeugung und Strafvereitelung im Amt anzeigte. Diese Beamten hätten dafür gesorgt, dass ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung gegen ein großes Münsteraner Unternehmen eingestellt worden sei, so Borcharding. Die leitenden Beamten seien inzwischen befördert worden, er selbst hingegen wurde strafversetzt. Noch immer kämpft er dafür, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und er selbst rehabilitiert wird.

Der Kritiker als Nestbeschmutzer

Ohne Whistleblower, die gelegentlich Alarm schlagen, könnten investigative Journalisten kaum arbeiten. Doch Journalisten müssten genau unterscheiden, ob diese Informanten wirklich uneigennützig handelten oder ob sie vielleicht nur den eigenen unliebsamen Chef anschwärzen wollten, gab Thurn zu bedenken. Den Zuträgern selbst bekommt ihre Informantentätigkeit selten gut: In der Regel werden sie entlassen, versetzt oder gemobbt, manche finden jahrelang keine neue Anstellung. Manchmal müsse man diese Informanten daher auch vor sich selbst schützen, gab Thurn zu bedenken. Man solle daher versuchen, ihre Identität nach Möglichkeit geheim zu halten.
Die Reaktion des WDR auf diejenigen, die öffentlich vor der "Banalisierung" des Ersten warnten, war also durchaus üblich. Die Verfasser der Resolution wurden als Nestbeschmutzer öffentlich herabgewürdigt. Diese Kritik komme von "Leuten, die schon eine Quote von fünf Prozent als Riesenerfolg sähen", hatte Oppers gesagt.
Aber auch die seriöse Medienkritik muss sich fragen lassen, welches Spiel sie spielt, wenn sie eine schlechte Quote ganz selbstverständlich als Indikator dafür heranzieht, dass eine Sendung tatsächlich schlecht war. So schrieb die "Süddeutsche Zeitung" am 19. Februar, das Politiker-Interview, das Sandra Maischberger elf Tage vor der Hamburg-Wahl mit dem Hamburger Justizminister Roger Kusch in ihrer Sendung führte, habe "nur einen Marktanteil von 5,7 Prozent" erreicht (dpa: "die schwächste Quote", die Maischberger bislang erreichte). Die Medienkritikerin fragte in ihrem Artikel auch, ob es richtig war, mitten im Wahlkampf einen CDU-Politiker einzuladen. Sie äußerte sich jedoch nicht dazu, ob die Interviewerin Roger Kusch (der fünf Monate zuvor schon einmal in Maischbergers Sendung war), diesmal die richtigen Fragen zu seiner umstrittenen Politik stellte. Auch die Medienkritik sollte sich gelegentlich über ihre Qualitätsmaßstäbe verständigen.

Journalistenschelte

Dass die Medienkritik, die in den Neunzigern einen Aufschwung erlebt hatte, in den vergangenen Jahren - ausgerechnet während des Höhepunkts der Medienkrise - geschwächt worden sei, beklagte der Journalistikwissenschaftler Günther Rager. Dabei gab es doch in den vergangenen Monaten und Jahren mehr denn je über Zu- und Missstände im Journalismus zu berichten. Die wirtschaftliche Medienkrise und die "Verlockungen durch PR" machte Rager auch dafür verantwortlich, dass in Redaktionen immer weniger recherchiert werde. Ohnehin, beklagte der Journalistikwissenschaftler, gebe es in Deutschland strukturelle Defizite in Sachen Recherche: Sie werde mit Journalisten in der Ausbildung selten systematisch geübt.
Wo es um Ethik im Journalismus geht, darf natürlich auch die Journalistenschelte nicht fehlen. Dass Journalisten ihren Presseausweis als "Payback-Karte der Extraklasse" nutzten, beklagte nicht nur der Journalistikwissenschaftler, sondern auch der Vorsitzende der Deutschen Journalistenunion (dju), Manfred Protze. Wer Gratis-Pressereisen in Anspruch nehme, dürfe sich nicht wundern, wenn der Eindruck entstehe, Journalisten seien käuflich. Ein seriöser Journalist dürfe die von der Bahn angebotene Journalisten-Bahncard zum halben Preis nicht annehmen. Auch die zunehmende Vermischung von Journalismus und PR sei gefährlich, weil sie letztlich auf eine Selbstabschaffung des Journalismus hinauslaufe.
Im Mittelpunkt der Kritik standen auf der Tagung der als "zahnloser Tiger" gescholtene Presserat und der Pressekodex. Der Deutsche Presserat sei nichts weiter als eine "PR-Agentur der Verleger", kritisierte der PR-Experte (und ehemalige Volkswagen-Sprecher) Klaus Kocks. Die Spruchpraxis des Presserates sei "orakulös", so der Medienwissenschaftler Michael Haller, der Pressekodex selbst eine "semimoralisierende Verbotsliste". Die meisten Ge- und Verbote wirkten disziplinierend und würden von vielen Journalisten als Einschränkungen empfunden. Hingegen seien die Normen, die beschrieben, wie guter, professioneller Journalismus aussehen sollte, "unterbelichtet".

Verbot oder Leitbild?

Haller forderte, aus dem Pressekodex einen journalistischen Kodex zu entwickeln, der "Leitbildcharakter" haben sollte. Ein solcher Journalistenkodex könne im Gegensatz zum bestehenden Pressekodex auch in den Arbeitsvertrag aufgenommen werden.
Auch darüber, wie so ein Leitbild aussehen könnte, wurde in Arnoldshain geredet. Claus Fokke Wermann von der Personalabteilung des SWR berichtete von Initiativen in verschiedenen ARD-Anstalten, ein solches Leitbild zu erstellen. Großes Vorbild: die BBC. "Unsere Vision ist, die kreativste Organisation der Welt zu sein", steht in deren Statuten. "Unsere Aufgabe ist es, das Leben der Menschen mit großartigen Programmen und Dienstleistung zu bereichern, die informieren, bilden und unterhalten." Weiter: "Wir sind stolz darauf, für Geld Qualität und Werte zu liefern." Und - dieser Satz lässt sich nur auf Englisch zitieren: "We are one BBC: great things happen when we work together."
Gut möglich, dass so ein Leitbild die journalistische Arbeit mehr beflügelt als das, was etwa in einem Thesenpapier des WDR-Rundfunkrates zu Programmprofil und Programmstrategie festgehalten ist: Aufgabe des WDR sei, "das Land Nordrhein-Westfalen in seiner regionalen, kulturellen, historischen und sozialen Vielfalt mit seinen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Potenzialen und die hier lebenden Menschen mit ihren Interessen, Bedürfnissen und Anliegen in den Mittelpunkt des programmlichen Geschehens zu stellen".

"Unveräußerliche Handlungsnormen"

Solche an die Kreativität und die Professionalität der Journalisten appellierenden Sätze wie in den Statuten der BBC hatten Haller und der SWR-Chefreporter Thomas Leif offensichtlich vor Augen, als sie sich in Arnoldshain zu Fürsprechern einer Neugestaltung des Pressekodexes machten. Da beide dem "Netzwerk Recherche" angehören, forderten sie vor allem anderen, Recherche, Informantenschutz und Auskunftspflicht der Behörden wirksam in einem solchen Pressekodex zu verankern. Immerhin sei der Pressekodex einer der ganz wenigen Texte, die sich überhaupt damit beschäftigten, wie Journalisten sich verhalten sollten, sagte Leif. Darum müssten hier auch die "unveräußerlichen, die Profession des Journalismus definierenden Handlungsnormen" festgehalten werden.
Außerdem forderte das "Netzwerk Recherche", die Entscheidungsprozesse des Presserates transparent zu machen. Der Beschwerdeausschuss des Presserates solle öffentlich tagen, so Leif. Rat und Beschwerdeausschuss sollten sich anders zusammensetzen, die bisherige Konstruktion, nach der der Presserat von zwei Verlegerverbänden (BDZV und VDZ) und zwei Journalistenorganisationen (DJV und dju) getragen werde, müsse dringend überdacht werden. Der Presserat solle nicht nur ein Organ von Journalisten für Journalisten sein, so die Forderung. Die Arbeit des Rates solle stattdessen durch unabhängige Experten und Publikumsvertreter unterstützt werden, die bei Sanktionsentscheidungen auch stimmberechtigt sein sollten.
In seiner Kritik am Presserat trifft sich das "Netzwerk Recherche" mit dem "Netzwerk Medienethik", das am selben Wochenende in München den "Verein zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle" gründete. Auch dieser Verein fordert, die Beschwerdearbeit des Selbstkontrollgremiums transparenter zu gestalten und beispielsweise einen "hohen und nicht mehr im aktiven Dienst stehenden Richter" zum Vorsitzenden zu machen. Dieser Vorschlag, so das "Netzwerk Medienethik", finde sich bereits in der Begründung zu dem vom Bundestag im Jahr 1976 beschlossenen "Gesetz zur Gewährleistung der Unabhängigkeit des vom Deutschen Presserat eingesetzten Beschwerdeausschusses".

Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Der Vorsitzende des neu gegründeten Vereins, der Dortmunder Journalistikprofessor Horst Pöttker, kritisierte, als "Organ der Beobachtung und Kontrolle" der Medien werde der Presserat selbst zu wenig von der Öffentlichkeit beobachtet und kontrolliert. Auch sei zu fragen, ob die Arbeit des Rates nicht auf alle Medien ausgedehnt werden könne.
Zufall, dass sich zwei Tagungen am selben Wochenende mit demselben Thema befassten? Jedenfalls reisten Vertreter des Presserates und der Journalistenverbände einigermaßen besorgt von München nach Arnoldshain, um ihr Organ vor allzu scharfen Angriffen von außen in Schutz zu nehmen. Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Volker Hummel, bezeichnete es als "kontraproduktiv", den einmal bei Pressekodex und Presserat erzielten Grundkonsens in Frage zu stellen. Diese Diskussion bringe den Presserat "ins Gerede", warnte Hummel.
In der Tat ist der Presserat ein fragiles, widerstreitenden Interessen ausgesetztes Gebilde: 1956 wurde er von fünf Verlegern und fünf Journalisten als Organ der Selbstkontrolle gegründet. Die Gründer wollten verhindern, dass durch das angekündigte Pressegesetz die Freiheitsspielräume der Presse und des Journalismus zu stark eingeschränkt würden. Vier Jahre später erteilte das Oberlandesgericht dem Presserat in einem von Verleger Henri Nannen gegen das Gremium angestrengten Prozess den richterlichen Segen: Seine Tätigkeit sei keine Zensur, sondern durch die Grundrechte der Meinungs- und Kritikfreiheit gedeckt.

Zurückhaltende Berichterstattung

Immer wieder versuchen interessierte Gruppen seither, den Presserat in seinen Entscheidungen möglichst in ihrem Sinne zu beeinflussen. Zwischen 1982 und 1985 stellte das Gremium seine Arbeit gar ganz ein, weil die Frage, ob öffentliche Rügen in den jeweiligen Zeitungen abgedruckt werden müssen, nicht geklärt war. Auch heute veröffentlichen nicht alle Zeitungen die Rügen, die gegen sie ausgesprochen wurden. Die Berichterstattung über die Arbeit des Presserates in den Medien sei "sehr zurückhaltend", beklagte der stellvertretende DJV-Vorsitzende Volker Hummel.
Kodex und Presserat würden permanent reformiert, sagte auch der Geschäftsführer des Presserates, Lutz Tillmanns. Gerade erst sei der Rat von 22 auf 28 Mitglieder erweitert worden. Ab Frühjahr solle der Beschwerdeausschuss in zwei Kammern tagen.
Nach einer Initiative von fünf Chefredakteuren, die gefordert hatten, stärker im Rat vertreten zu sein, wurden jetzt zwei Chefredakteure neu in das Gremium aufgenommen. Die Chefredakteure hatten im Juni 2003 gegen die Handhabung der Richtlinie 12 durch den Presserat protestiert. Diese besagt, dass niemand "wegen seines Geschlechts oder seiner Zugehörigkeit zu einer rassischen, ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden" dürfe. In der Spruchpraxis des Presserates sei die Richtlinie "eher ein Bevormundungsinstrument" geworden "als eine Hilfe zur Vermeidung von Diskriminierung", beklagten die Chefredakteure.

Kritik weder "überflüssig noch destruktiv"

Tillmanns hält die Kritik an Presserat und Pressekodex weder für "überflüssig noch für destruktiv". Vielmehr seien solche Veranstaltungen oder Initiativen wie die Gründung des neuen Vereins zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle eine Anregung, "der wir uns selbstbewusst stellen werden". Dennoch bilde der Kodex seit Jahrzehnten eine gute Grundlage für die journalistische Arbeit.
Schärfer wurde der DJV. Sein Vorsitzender sagte drei Tage nach Gründung des "Vereins zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle", dieser sei "völlig überflüssig". Der Deutsche Presserat übe seine Wächterfunktion effizient und nachvollziehbar aus und habe sich als Kontrollinstanz der Medien bewährt.
Wem gilt die Abwehr? Ist es tatsächlich so skandalös, die Arbeit des Presserates zu hinterfragen? Oder spricht aus solchen Erklärungen auch die Angst vor neuen Akteuren, die gerne bei der publizistischen Selbstkontrolle mitreden wollen? Die öffentliche Diskussion über die Arbeit des Presserates hat nicht nur diesen "ins Gerede gebracht", wie Hummel kritisierte. Sie sorgt immerhin auch dafür, dass wieder einmal öffentlich darüber geredet wird, wie Journalisten arbeiten.

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Alexander Frick, freier Journalist

ALEXANDER FRICK | ETHIK IM JOURNALISMUS